1950 Wien

Zwar war die Berliner Blockade nach einjähriger Dauer aufgehoben worden, aber die beiden Staaten Ost- und Westdeutschland existierten hermetisch getrennt nebeneinander und der „kalte Krieg“ lastete als Damoklesschwert auf den Gemütern der Menschen.

Man steckte schließlich eingekeilt zwischen den konkurrierenden Kriegssiegern.

Ein neues Gemetzel hätte unausdenkbare Folgen, wäre ein Inferno, bei dem die Hölle aus Dantes „Göttlicher Komödie“ direkt als freundlicher Ort erscheinen müsste.

Gerade hatte dieses so gebrandmarkte, geschundene Jahrhundert seine erste Hälfte hinter sich gebracht, da bedrohten es bereits neue, furchtbare Gefahren.

Unser Privatbereich blieb indessen glücklicherweise von trüben Wolken verschont.

Die Leiter des Erfolgs stand für Kurt parat und voll Elan erklomm er sie Stufe um Stufe.

Sein Name in der Filmbranche gewann ständig an Klang!

Nachdem die Amerikaner die Stadt Berlin so vorbildlich versorgt hatten, vergaß und verzieh man ihnen gern, dass sie vorher die deutschen Städte in Schutt und Asche gebombt hatten.

Jetzt überwog die Vorstellung eines in Wohlstand schwimmenden Schlaraffenlandes über dem Atlantik, das tatkräftig bei der Beseitigung der Schäden half.

Neugier und Interesse der alten Welt, galt nun dem fernen Kontinent.

Für Kurt gewann dieser Wandel eine besondere Bedeutung, obwohl er momentan sein Verkaufstalent für englische Produktionen einsetzte.

Auf irgendeinem mysteriösen Weg war seine Rednergabe bis zu einem Manager der Traumfabrik von Hollywood vorgedrungen. Und da man in Amerika allerorts auf Gewinn setzte, war man an wortgewandten, einheimischen Partnern stets interessiert.

Erste Kontakte mit den überseeischen Besatzungsherren gestalteten sich für Kurt äußerst positiv.

Ein attraktives Angebot wies in die Zukunft und stellte indirekt sogar die Aussicht auf den Generalmanager für amerikanische Filme in Frankfurt, in Aussicht.

Die Tatsache, dass Kurt derzeit immer noch zwischen den Staaten schwebte, noch nicht als Österreicher und nicht mehr als Deutscher galt, verzögerte einen endgültigen Vertrag.

Es kam daher vorerst nur zu einem schriftlichen Übereinkommen, in dem der Verleih seine Offerte aufrecht erhielt und Kurt sich im Gegenzug verpflichtete, im Falle einer Staatsbürgerschaft zu keiner anderen Gesellschaft, als eben zu Metro-Goldwyn-Mayer zu wechseln.

Welch´ eine Chance!

Nicht wie einst als Handlanger einer Armee-US-Dienststelle zwecks Überleben tätig zu sein, sondern bei einer der größten amerikanischen Filmverleih-Firmen in leitender Position eine Rolle zu spielen!

Die Metro-Goldwyn-Mayer war führend in der Branche, jeder kannte sie…

Wenn der imposante Mähnenkopf eines Löwen von der Kinoleinwand das Publikum brüllend auf die bevorstehende Handlung einstimmte, dann war Qualität meist von vornherein verbürgt!

Die Saga des 1939 gedrehten Streifens „Vom Winde verweht“ hatte inzwischen weltweit Millionen eingespielt…nun kam endlich auch das so lange abgeschottete, vom Dritten Reich übrig gebliebene Volk in den Genuss dieser und anderer in Hollywood fabrizierten „Love-Stories.“

Als wollte Fortuna auf einen Schlag nachholen, was sie jahrelang verweigert hatte, beglückte sie Kurt in den ersten Maitagen auch noch mit der heiß begehrten österreichischen Staatsbürgerschaft. Zum Preis von 1500 Schilling konnte er nun im Land sein Dasein gestalten.

Wieder einen Pass besitzen, ein offizielles Recht in diesem Staat als ihr Bürger arbeiten zu dürfen, das war schließlich Anlass genug, um an diesem Maienabend den Sektkorken knallen zu lassen.

Glücklich prosteten wir uns, einschließlich Karin zu. Auch für sie würde in diesem Jahr ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Die Schule…

Obwohl im September noch nicht ganz 6 Jahre alt, war gemeinsam beschlossen worden, ihr diesen ersten Schritt in den Zwang eines regelmentierten Alltags zuzumuten. Man konnte nicht früh genug mit dem Einmaleins des Lebens beginnen.

Davor sollte sie allerdings mit den Eltern ausgiebig und unbeschwert die Freiheit auskosten.

Es gab da eine Adresse von einem winzigen, von der Welt abgeschiedenen Bauernhaus inmitten der steirischen Wälder, die auf Wunsch auch lufthungrige Städter über den Sommer aufnahmen.

„Sowie ich meinen Pass habe, schauen wir uns das an“, verkündete Kurt in Vorfreude auf diese erste Möglichkeit, die Demarkationslinie zwischen den Zonen der Besatzer, passieren zu können. Er hob sein Glas, aus dem die edle Flüssigkeit, hüpfende Miniperlen als aromatische Glücksbringer hoch sprudeln ließ.

„Ja, schaut´s Euch´s an und redet´s vor allem mit der Bäuerin. Ich muss bei ihr kochen können…fragt´s was das Zimmer kost´ und ob ich bei ihr, alles was wir brauchen, kaufen kann!“ wies Mutter sofort auf die praktischen Dinge des geplanten Urlaubs hin.

„Drei Monate einmal raus aus der Stadt, keinen Straßenstaub schlucken, keine vier Stock steigen…das wär´ fein“, schwärmte sie.

„Und was werdet Ihr in dieser Zeit machen“, erkundigte sich Vater und schaute fragend auf mich und Kurt.

„Da macht´s Euch mal keine Sorgen“, mischte ich mich energisch ins Gespräch. „Erst einmal nach Jahren einen gemeinsamen Urlaub feiern…ich hab´ noch 14 Tage heuer dafür gut und die Wochenenden werden wir ebenfalls gehörig für Reisen nutzen“, erklärte ich und sah Kurt an.

„Na und ob“, pflichtete der bei und atmete tief den Duft, der aus dem Sektschwenker strömte, ein „Ja und dann werde ich natürlich auch nach Deutschland fahren und meine Eltern Berlin besuchen. Als Vertreter steht mir mehr freie Zeit zur Verfügung“, träumte er in die Zukunft.

Pläne über Pläne….

Und den Worten folgten die Taten in fast Atem beraubenden Tempo.

Noch ehe der Mai seine unverbrauchte Frische zugunsten weiteren Wachstums verlor, starteten wir übers Wochenende in die östliche Steiermark, die zwar von den Russen erobert, nun unter englischer Verwaltung stand.

Eine recht umständliche Tour per Bahn und ein einstündiger Fußmarsch stand uns bevor.

Die Station Vorau wirkte zwar verschlafen, befand sich aber durchaus noch im Bereich des leicht Erreichbaren – immerhin thronte hier auf einem Hang ein 1163 gegründetes Augustiner Chorherrenstift mit wertvollen Handschriften.

Dagegen fanden sich die Häuser vom Dorf St.Pankraz auf keiner Landkarte mehr. Und erst recht nicht der Bergrücken, auf dessen Höhe der einsame Ableger von jenem Ort, zu finden sein sollte.

Wir mussten den Weg erfragen, ehe wir auf gewundenem Pfad, überdacht von dichten Baumkronen, empor keuchten…immer weiter, immer höher! Kein Ende schien in Sicht.

Plötzlich und unerwartet standen wir dann doch auf einer von Wald begrenzten Lichtung, rieben uns die Augen, die mit einmal von praller Sonne gereizt wurden.

„Ja, hier muss es sein“, stammelte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Aber, wo ist das Haus“?

Auch Kurt musterte die Gegend. „Da, da…rechts von der Wiese“ und deutete auf ein einsames Gehöft inmitten üppig wuchernder Vegetation.

Still und verlassen, wie aus einer anderen Welt, ragte der einfache, aber schmucke Holzbau aus dem Dickicht der Umgebung.

Wir klopften an die Tür, ein…zwei…dreimal…nichts rührte sich drinnen.

„Niemand da“, mutmaßte ich. „Was machen wir jetzt?“

„Warten“, entschied Kurt. „Wir haben Zeit genug, unser Zug zurück nach Wien fährt

abends“, er zog mich auf die große Wiese, die das Haus einfasste.

Das Gras stand schon ziemlich hoch, so recht, um sich darin genüsslich zu wälzen.

Roter Mohn, Hirtentäschel und so viele andere, wilde Mitglieder aus Floras farbigem Reich, die die Menschen allgemein als Unkraut beschimpfen, reckten ihre bunten Blütenköpfe aus dem Meer der Halme. In allen Schattierungen von Grün begleiteten sie jeden Lufthauch mit rhythmischen Schwingungen. Und über allem summte und surrte das Heer der Insekten, in Erfüllung ihrer vorgegebenen Pflichten.

Irgendwo unter dem Horizont flatterte ein Vogel und sein fröhliches Gezwitscher floss als keckes Solo, mit ein ins Konzert der Natur.

Kurt und ich, müde vom Aufstieg, holten tief Atem und ließen uns seufzend in das duftende Kissen von Gräsern und Blumen fallen, gruben Dellen in ihre bunte Fülle und vergaßen die Zeit. Ein angenehmer Schlaf entführte uns bald ins Reich der Träume.

Nach einer Weile – wie spät mochte es inzwischen geworden sein – nahm Kurt als erster, die Präsenz eines Menschen wahr uns erinnerte sich an den Zweck dieses Ausflugs.

Die Bäuerin war, beladen mit Utensilien für den Sonntag vom Dorf auf die Höhe zurückgekehrt.

Bei einem zünftigen Obstler ward sogleich das Ferienarragement für den Rest der Familie ausgehandelt. Sie würde drei Monate bei dem Bauern-Ehepaar und deren junger Verwandten, dem Großstadtmilieu entfliehen und eine mühsamere, aber wie es schien, heile Welt kennen lernen. Sie würde die positiven, vielleicht auch negativen Seiten vollkommener Abgeschiedenheit ausprobieren.

Dagegen lechzten wir beide danach, die endlich gewonnene Bewegungsfreiheit gemeinsam auszukosten. Reisen, reisen…

Als erstes unternahm Kurt allein die Fahrt nach Berlin, seiner Heimat, der er vielleicht in so manchen stillen und schwierigen Stunden doch ein wenig nachgetrauert hatte.

Er fand eine Stadt vor, die zwar immer noch von Trümmern strotzte, aber von einem immensen Willen zu Wiederaufbau und besserem Leben besessen war. Die neu eingeführte Währung schaffte Möglichkeiten dafür und die ehemaligen Feinde gewährten Hilfe.

Erst zerstören, dann neu anfangen, gehörte das zum Gesetz des Lebens?

„Du kannst Dir nicht vorstellen, wie da drüben die Wirtschaft zu florieren beginnt“, verkündete mir Kurt nach der ersten Begegnung mit der Stätte seiner Kindheit. „Mit Siebenmeilenstiefeln geht es vorwärts. Dagegen hinken wir hier wie lahme Enten hinterher.

Das Geld hat wieder einen Wert und alles ist viel billiger als bei uns“, schwärmte er mir nach der Rückkehr vor.

„Aber Deutschland und insbesondere seine Hauptstadt sind gespalten in einen Ost- und einen Westteil…findest Du das etwa auch in Ordnung und nachahmenswert“, konterte ich.

„Natürlich nicht“, musste Kurt zugeben, „aber was sollen die Leute denn machen, wenn sich Ost und West nicht vertragen und sich ständig gegenseitig das Leben schwer machen. Ich bin nur froh, dass meine Eltern es bei ihrer Flucht aus Schlesien bis nach Berlin-West geschafft haben. War ohnehin grausam genug, diese Völkerwanderung.

Das nächste Mal, wenn ich sie besuche, komm st Du mit“, versprach Kurt. …“Du wirst staunen…Geld ein- oder ausführen ist zwar strengstens verboten, aber ich habe trotzdem eine kleine D-Mark Reserve geschmuggelt. Dafür kannst Du Dir was Nützliches kaufen!“

„Alles schön und gut, aber wir hier sind, wenn auch nur als mickriges Überbleibsel des Habsburgerreiches, wenigstens nicht auseinander gerissen und bestehen, wenn auch in Zonen aufgegliedert, als e i n Staat“, verteidigte ich mein Österreich. „Und wir werden es schaffen, dass es so bleibt!“

„Das wünsche ich mir ja auch“, stimmt Kurt als dessen Neubürger, hoffnungsvoll bei.

Es war Anfang August, der Alltag lief in dieser Zeit in gebremsten Rhythmus ab: die Schulen waren geschlossen, auch die Theater machten Pause, nur die Kinos lockten weiterhin Zuschauer in ihre abgedunkelten Etablissement:

Eines Tages flatterte uns ein Telegramm aus Ulm ins Haus.

Kopfschüttelnd öffnete es Kurt. Er kannte niemand in und um diese urschwäbische Mini-Kapitale.

„Was ist los, wer schickt uns solch´ eine eilige Nachricht“, drängte ich, da ich wegen der ungewöhnlichen Post ein wenig erschrocken war. Oft brachte eine derartige Eilbotschaft schlechte Kunde ins Haus.

Kurt las, holte tief Atem, reichte mir das Papier weiter.

„Hätte ich mir nicht träumen lassen, dass man sich nach den vielen Jahren noch an mich erinnert…“ dabei spielte bei aller Überraschung ein stolzes Lächeln um seine Mundwinkel.

Ich runzelte die Stirn, war irritiert.

Der Name des Absenders war mir bekannt…ein ehemaliger, unter den Nazis leitender Industriemanager forderte Kurt auf, unverzüglich zu einem Gespräch nach Ulm zu kommen.

„Ein Angebot“, vermutete ich sofort und ließ das Blatt auf den Tisch sinken.

Ein Luftzug wehte durchs offene Fenster, der Schrieb erzitterte und flatterte in eine Ecke hinter der Wohnzimmertür.

Ich musste lachen. „Da gehört er auch hin, besser noch, gleich in den Papierkorb. Jetzt haben wir eine so späte Chance nicht mehr notwendig.“

Kurt bückte sich, hob den Ausreißer auf uns steckte ihn in die Tasche seines Jacketts.

„Natürlich nicht!

Aber wir wollen doch sowieso einmal zusammen nach Deutschland fahren!“

„Du bist ja nur neugierig, wie die alten Bonzen sich nach dem Kollaps wieder in die erste Reihe hinein manövriert haben“, unterbrach ich ihn.

„Wäre doch auch für Dich ganz interessant nach Jahren mal wieder einen Blick nach Deutschland zu werfen“, überhörte er gefließentlich meinen Vorwurf.

„Dieser Bonze, das weiß ich zufällig, war bestimmt kein Nazi, musste nur, wie wir alle, mitmachen…“

2 Tage später saßen wir im Zug nach Ulm.

Die engen Abteile waren wenig besetzt, aber es war heiß drinnen, sodass wir die Tür zum Gang öffneten, um etwas Fahrtwind zu bekommen.

Nach der Passage des niederösterreichischen Berg- und Hügellandes, zwängte sich der Zug durch das „Gesäuse“, jene spektakuläre Schlucht, durch die sich der Fluss Enns ihren Weg gegraben hatte. Hautnah glitten die Wände dieser bizarren Felskulisse vorüber. 1000 m ragten sie senkrecht empor.

Ich kannte die spektakuläre Durchfahrt von früheren Reisen, die jedes Mal wieder zu einem Erlebnis wurde.

Im salzburgischen Bundesland zeigten sich die Gebirge noch relativ sanftmütig, fast lieblich, steigerten sich dann aber in Tirol zu Atem beraubenden, zerklüfteten Höhenzügen.

Keuchend schraubte sich bald danach der Schienenzepp wie eine sich windende Schlange, über den Arlberg und durch Österreichs widerborstigste Region, Vorarlberg, die mehr Gefühlsbeziehungen zur Schweiz, als zur fernen Schaltzentrale Wien, unterhielt.

Am Bodensee war endlich die Grenze der Republik erreicht. Noch vor dem letzten Halt in Bregenz war es im Zug lebendig geworden. Bereits in Dornbirn waren Leute zugestiegen, Türen flogen auf und zu, Zöllner beider Länder in unterschiedlichen Uniformen eilten hin und her, man vernahm lebhafte Stimmen aus anderen Abteilen.

Es war klar, Kontrolleure walteten ihres Amtes.

Ein junger Mann hatte sich bei uns eingenistet, seinen Koffer abgestellt, war aber gleich wieder im Flur verschwunden.

Statt der beschaulichen Ruhe, herrschte nun von Spannung geladene Hektik, während das Zugmonster am See entlang, Lindau zustrebte.

Ich beobachtete in meine Ecke geduckt, voll Unbehagen, wie Kurt sein Taschentuch aus dem Jackett holte und es energisch rüttelte und schüttelte, um etwas Verborgenes heraus zu beuteln…

Aus den Nachbarbereichen drang indes lautstarkes Palaver in unser Abteil. Offenbar wurden die Passagiere gründlich durchsucht, womöglich gar Leibesvisitation?

Ich wagte kaum zu atmen. Eine Ewigkeit dauerte es, bis Kurt das geschmuggelte „Corpus delicti“ klammheimlich aus der Umhüllung befreit hatte und dem kostbaren D-Mark-Schatz blitzschnell ein neues Versteck, zwischen Fuß und Schuhsole zuwies…in letzter Minute sozusagen.

Denn schon wurde die Tür aufgerissen und ein Beamter forschte in strengem Kasernenton nach verdächtigen Waren und Geld. Wie bei Kriminellen forderte er Einsicht in alle Gepäckstücke, stöberte sie durch, griff ungeniert in Anzugtaschen und fühlte sich außerordentlich wichtig.

Erst hinter Lindau fand der Spuk sein glückliches Ende, das auferstandene, neue Deutschland war erreicht.

Die Landschaft mit ihren Hügeln, Wäldern und Feldern glich der, vor dem Grenzzaun, gemächlich lief das bäuerliche Leben nach dem von der Natur vorgegebenen Regeln ab.

Am nächsten Morgen durchstreifte ich allein die Stadt Ulm, während Kurt in dem aus den Trümmern des Krieges neu formierten Klöckner-Humboldt-Deutz-Komplex, den zum Einkaufsdirektor avancierten, ehemaligen Kollegen aufsuchte.

Das Werk, dessen Zentrale ihren Sitz in Köln hatte, florierte wieder und viele tausende Menschen arbeiteten in ihm nun, für friedliche Zwecke.

Ich bummelte durch das kleine Städtchen, dem zwar im 14. und 15. Jh. auch eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit beschieden gewesen war, nun aber wieder seine Werte hinter erdgebundener, schwäbischer Behäbigkeit verbarg, sie nicht zur Schau stellte.

Die Donau floss ein wenig bescheidener, ruhiger durch das Gelände, hatte noch nicht ihre aufregende Starrolle erreicht, war nur ein Fluss wie andere, nicht Mittelpunkt, nicht Schicksal.

Die Wunden des Krieges waren sichtbar, klagten hinter verschämt weggeräumten Trümmern und neu Aufgebautem die sinnlose Zerstörungswut der Menschen an. Auch am Münster, das seinen mächtigen 161 m hohen Turm wie einen mahnenden Finger zum Himmel reckte, wurde renoviert und die Auferstehung eingeleitet.

In der Altstadt hatten ein paar wenige Fachwerkbauten den Krieg unverletzt überstanden. Wie von einem anderen Planeten kündeten sie von Frieden und Ruhe, gaukelten eine vergangene „menschlichere“ Zeit vor, die es wahrscheinlich nie gab.

Friede den Menschen auf Erden….was für ein großes Wort, das immer wieder überhört, umgangen und geschändet wird.

Kurt und ich hatten uns in einem kleinen Gasthof verabredet, in dem wir auch die Nacht verbrachten, wollten etwas essen und anschließend den Nachtzug zurück nach Wien nehmen.

Die Wirtsleute waren freundlich, obwohl ein gewisses, gutartiges Misstrauen gegen alles Fremde, kein Schwabe so ganz aus seinem Herzen verbannen kann. Die raue Alb ist nahe…

Ich war ein wenig unruhig, wusste nicht recht warum. Der Fall war doch klar und die Fahrt nur ein Blitzbesuch und flüchtiger Blick ins benachbarte Ausland.

Die Essenszeit war fast vorbei, als Kurt endlich in der kleinen Wirtschaft eintraf. Er wirkte nachdenklich, ich versuchte in seiner Miene eine Erklärung zu lesen.

„Später“, vertröstete er mich. „Bestellen wir erst einmal was zu essen, bevor die Küche zumacht.“

Es gab hausgemachte Spätzle, das schwäbische Nationalgericht, mit Gulasch, als milden Nachbau der scharfen ungarischen Spezialität, dazu ein erfrischendes Bier vom Fass.

„Ja…“ begann Kurt zögernd, während wir auf die Mahlzeit warteten. „Ein interessantes Angebot…“ er hob sein Krügelglas, das mit einer Schaumkrone zum Trinken einlud, mir entgegen. „Ein Genuss…“ lenkte er nach einem kräftigen Schluck, vom Thema ab.

Ich antwortete nicht, wartete auf eine ergiebigere Definition.

„Sie stellen mir nach Einarbeitung den Posten als Leiter einer eigenen Einkaufsabteilung in Aussicht. Genau da, wo ich vor Jahren aufhören musste…besser noch als damals, verantwortungsvoller, zukunftsträchtiger!“

Die Wirtin balancierte 2 prall gefüllte Teller durch den Raum – die übrigen Mittagsgäste hatten das Lokal bereits verlassen – und setzte sie vor uns auf den blank gescheuerten Tisch. Trotz der Einfachheit des Hauses blitzte alles vor Sauberkeit in der kleinen Gaststube.

Eine Dampfwolke stieg von den appetitlichen, gelb getönten Teigwaren hoch, vermengte sich mit dem Duft der Fleischstücke in brauner Soße.

„Und Du hast ihnen Deine Situation erklärt und abgelehnt?“

„Ich habe gesagt, ich werde es mir überlegen“, gestand Kurt. „Man soll nie eine sich bietende Chance von vornherein ausschlagen!“

„Hm…“ war mein einziges Kommentar dazu.

Bis zur Abfahrt des Zuges blieben noch ein paar Stunden, wir nutzten sie für einen Spaziergang, schlenderten durch die alte Stadt.

Ich fand ein paar hübsche Schuhe, die ich bei unserem Bummel noch tüchtig abtreten musste, um den neuen Glanz zu verwischen.

Der Grenzübergang vom deutschen ins österreichische Territorium verlief diesmal ohne Komplikationen. Eine Staubschicht tarnte meine neue Errungenschaft und die wertvollen D-Mark waren während der beiden Tage angenehm verprasst worden.

Schweigend verlief zwischen Kurt und mir die lange Nacht.. Die monotone Musik der Räder versetzte uns in einen schläfrigen Dämmerzustand, unterbrochen nur von jeweils divergierenden Gedankenfetzen.

Am folgenden Morgen verwehte in Wien ein plötzlich aufgekommener Wind, die Nebel der Spekulationen.

Natürlich würden wir in Österreich bleiben!

Eine Woche verging, schon nahmen die Dinge ihren gewohnten Verlauf…..

Da platzte abermals ein Eilpapier aus Ulm in unseren knapp wieder gewonnenen Entschluss.

Fast beschwörend wurde darin um eine positive Entscheidung gebeten.

Eine abermalige Versuchung?

Wir waren an diesem Samstag gerade im Begriff der Hitze der Stadt zu entfliehen und das Wochenende außerhalb zu verbringen. Der nur ca. 70 km entfernte Neusiedlersee bot eine erreichbare Alternative dafür.

Ich schaute Kurt fragend an.

„Fahren wir erst einmal los“, schob er den neuerlichen Lockvogel beiseite.

Das Burgenland, erst 1919 wieder Österreich einverleibt, streute mit seiner von Ungarn infizierten Mentalität einen Hauch von zusätzlicher Schwermut in den Becher wienerischer Leichtigkeit.

Der Atem der Puszta mit den von Ziehbrunnen gespickten, weiten Ebenen zog beklemmend über diese östlichste Region der Republik, kündigte Endlosigkeit, Einsamkeit an.

Ein kleiner Zipfel dieses einzigen Steppensees Mitteleuropas, war als Trostpflaster den Ungarn verblieben.

Der Personenzug, bestückt mit harten Holzbänken ohne Abteile, schlich sich gemütlich an Dörfern vorbei, auf die erbarmungslos die Sonne nieder brannte.

Wuchtig, breit, behäbig behaupteten sich selbstbewusst die Bauernhäuser in der ausgetrockneten Landschaft. Mächtige braune Tore durchbrachen ihre Fassaden, versperrten Einblicke in die dahinter befindlichen Höfe und Weinkeller.

Ab und zu baumelten feurig rote Paprikaschoten an Schnüren, als Girlanden an weißen Mauern.

Keinerlei Betriebsamkeit belastete die Straßen, wie im Dornröschenschlaf döste die Natur vor sich hin.

Der See selbst präsentierte sich uns danach mit einem breiten Schilfgürtel, in dem es raschelte und lebte.

Enten mit buntem Gefieder paddelten majestätisch darin herum. Vögel stiegen bei jedem Laut mit heftigen Flügelschlägen aus dem Uferdickicht in die Luft, zogen einen Schweif von Wassertropfen hinter sich her.

Kurt und ich suchten einen geeigneten Badeplatz, an dem das meterhohe Gras endlich die Wasserfläche freigab.

Dieser See war ein Kuriosum….

Kaum einen Meter tief, klaffte er als grüngraue Fläche mitsamt seiner 3-6 m breiten Schilfrohr-Umgarnung, 320 qkm aus der Ebene.

Vorsichtig wateten wir schließlich in die trübe Brühe hinein. Zum Schwimmen zu seicht, bereitete das Planschen darin trotzdem ein Vergnügen besonderer Art.

Jeder Schritt wirbelte winzige Pflanzenteilchen an die Oberfläche – eine Mixtur, die einer nahrhaften, leicht gesalzenen, lauwarmen Suppe glich.

Darin einzutauchen, Anteil zu haben an seinem Geheimnis. Das war, wie ein klein wenig Eindringen in die Sphäre des Vergessens…nicht so wie beim abgrundtiefen, alles auslöschenden Lethe der alten Griechen, der alle Erinnerungen ans Dasein tilgte, das aber doch wenigstens ein Verschleiern der eigenen Probleme bewirkte, eine gewisse Befreiung von ihrer Last.

Der Neusiedlersee war nun mal was Besonderes unter den Seen, er hatte keinen natürlichen Zu- und Abfluss, ihn nährten keine großen Flüsse. Nur der Regen tat es und Grundwasser-Zuflüsse aus der ungarischen Tiefebene, hielten ihn am Leben.

Doch diese Spezialität konnte ihm mitunter auch zum Verhängnis werden. Es heißt – so erzählte man sich – es habe schon Jahre gegeben, wo seine Tiefe auf mickrige 40 cm geschrumpft sei und einige wollten sogar wissen, dass er einmal für 4 Jahre ganz ausgetrocknet gewesen sei.

Welch ein interessantes Gewässer zwischen Österreich und Ungarn!

Menschen ziehen Grenzen – willkürlich mitunter – aber die Natur hält sich nicht an menschliche Spielregeln, als Einheit vollführt sie ihre dynamischen Bewegungsrhythmen innerhalb einer überdimensionalen Realität.

Für die Nacht hatten wir uns im Städtchen Rust einquartiert. Stolz protzte der kleine Ort mit seinem Status „Freistadt“… der ihnm1681 vom Marktflecken als königlich-ungarisches Dekret, dazu befördert hatte. Mit seinen schmucken Barockhäusern sonnte er sich im Licht der unabhängigen Vergangenheit und wartete nun, wie das ganze Burgenland, mit einer originellen Symbiose zwischen Ungarn und Österreich auf.

Es herrschte kaum Betrieb in den krummen Gassen des Städtchens, nur wenige Fremde übernachteten hier.

Als wir vom schmalbrüstigen Hauptplatz abwärts spazierten, segelte plötzlich von irgendwoher ein schlanker Vogelkörper über unsere Köpfe hinweg. Elegant, mit gestrecktem Leib und breit ausladenden Flügeln zog er in geringer Höhe seine Kreise. Der schmale Hals, die eng angezogenen Beine bildeten eine Stromlinie, deren Gewicht von den ausgebreiteten Schwingen, geschickt durch die Luft balanciert wurden.

Für uns Großstädter war die seltene Begegnung mit einem Storch eine freudige Überraschung und so registrierten wir nun auch bewusst die vielen Horste, die auf den Giebeln der Häuser und allen nur möglichen hohen Plätzen, die Nester dieser großen Spezies trugen. Mit ihrer klappernden Präsenz belebten sie das Burgenland und zogen hier alljährlich ihre Brut auf.

Begeistert schauten wir dem graziösen Flieger nach. Ein schwarzer Saum begrenzte das sonst so weiße Federkleid, dem der lange rote Schnabel und die dünnen, ebenfalls roten Stelzenbeine eine markante und spezifische Note verliehen. Wenn sie ihre Horste verließen und in ihrem Element, der Luft, dahin glitten, entfalteten sie ihre ganze faszinierende Schönheit.

Natürlich konnte in dieser von Weinreben gesäumten Gegend der Abend nirgendwo anders ausklingen, als in einem der typischen Kellergewölbe.

Während in den Wiener Vororten mit ihren Heurigenschänken ein „grünes Kranzel“ – ein Föhrenzweig am Torbogen – den Ausschank offenbarte, floss hier der edle Tropfen jederzeit aus den Fässern. Er war auch kein „Heuriger“, jener „Resche“ von der alten Ernte, der im Frühjahr den Zechern kredenzt ward und erst ab folgendem Martini, dem 11.11. als „Alter“ galt.

Nur an 300 Tagen im Jahr durften in Wien diese eigenen Produkte des „Heurigen“ verkauft werden.

Im Burgenland hingegen gab es diese Beschränkungen nicht. Dafür glänzte dieser Rebensaft viel goldgelber im Glas und seine verführerische Reife schmeichelte sich gern auch in die Gliedmaßen seiner Liebhaber und zwang sie zum Verweilen.

Eines dieser unter Straßenniveau befindlichen Ruster Verliese empfing uns mit angenehmer Kühle nach unserem heißen Badetag, an dem uns die Sonne kräftig eingeheizt hatte.

Die Beleuchtung war der zu erwartenden, weinseligen Stimmung entsprechend dürftig. Die Wände aus rauem Gestein strahlten zusätzlich Kühle ab.

Mit deftigen Imbissen oder speziellen ungarisch-österreichischen Angeboten warb die Speisekarte für ein würdiges Fundament hinsichtlich der kommenden Kellergeister.

„Wir müssen jetzt sehr gut überlegen“, schnitt Kurt das tagsüber so peinlich vermiedene Thema an, als die ersten 2 Vierteln vor uns am Holztisch landeten. Deren Inhalt schwappte noch beunruhigt vom Transport in den Gläsern hin und her, als wollten sie an der Problemlösung mithelfen.

Ich nickte Stirn runzelnd, hatte ich doch geahnt, dass Kurt die Aussicht auf eine Tätigkeit in seinem erlernten Beruf, verlocken könnte. Ich wusste auch wie sehr er in den Jahren unter den demütigenden Diskriminierungen in Österreich, gelitten hatte. Weder die Umschulung zum Elektriker konnte ihn befriedigen und trotz Erfolge und finanzieller Freiheit, schien auch der Film, nicht das Ziel seiner Wünsche zu sein.

„Die Filmbranche, alles schön und gut“, folgte wie eine Bestätigung, Kurts Kommentar. „Aber es ist doch eine recht windige und sehr vom Glück abhängige Angelegenheit. Eine glitzernde Kulisse ohne soliden Hintergrund. Man kann einen Tag Furore machen und am anderen von der Hand im Mund leben müssen…ein Hasardspiel ohne geregelte Zukunft!“

„Und die Metro-Goldween-Meyer?“ versuchte ich die abgekanzelte Berufssparte zu rehabilitieren. „Wäre das keine brauchbare Alternative zu den englischen Erzeugnissen?“

„Vielleicht“, musste Kurt zugeben. „Aber deren Zentrale ist in Frankfurt. Auch dazu müsste ich, um etwas zu erreichen, nach Deutschland gehen!“

„Du willst also vor allem was erreichen“, überlegte ich.

„Natürlich, was denn sonst…endlich besteht wieder eine Möglichkeit dafür. Alles befindet sich im Aufbau, ich möchte mithelfen, dabei sein und nicht als Vertreter irgendeiner Firma meine Zeit vergeuden!“ Voll Optimismus schaute Kurt in sein Glas, in dem die Flüssigkeit so viel versprechend, wie blankes Gold, funkelte.

„Und Du würdest dann als österreichischer Staatsbürger in Deutschland abermals ein Ausländer sein“, erinnerte ich ihn an sein eben erst erworbenes und teuer erkauftes Statut.

Abrupt stellte Kurt jetzt sein halb geleertes Viertel auf den Tisch zurück, so dass die Flüssigkeit darin heftig zu zittern begann. „Spinnst Du?“ fragte er erbost zurück. „Ich bin doch nicht verrückt! Nie habe ich auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichtet und so kann sie mir auch keiner wegnehmen. Wenn…“ er zögerte, „wenn wir uns…“ es folgte ein abermaliges Zaudern…“wenn wir uns dazu entschließen sollten, dann melde ich mich selbstverständlich als Deutscher in Deutschland an und beantrage sofort einen Paß.“

„Und was geschieht mit mir und Karin?“

„Da werden wir…“ würden wir“, verbesserte er sich schnell, „schon auch einen akzeptablen Weg finden. Ihr müsstet ja ohnehin erst einmal in Wien bleiben, bis ich stabilisiert bin…“

„Was wirst Du jetzt also tun?“ seufzte ich.

„Ich werde am Montag ein Telegramm nach Ulm aufgeben und um eine weitere Woche Bedenkzeit bitten! Wir werden alles genau durchsprechen und nächsten Samstag nach Vorau fahren, um mit den Eltern zu beraten“, entschied Kurt.

Die Tür zum Kellergeschoß wurde aufgerissen, drei Pärchen, offenbar schon von Vorweggenüssen in Stimmung gebracht, stolperten die Stufen herunter. Gut gelaunt winkten sie den Anwesenden zu und belegten einen Tisch schräg gegenüber. Ihr lustiges Geplapper im Jargon der Wiener Randbezirke, dem so genannten 10. oder 16. „Hieb“ drang – für Kurt immer noch ein wenig chinesisch klingend – zu uns.

„Schau…“ fiel Kurt bei der Gelegenheit noch ein Argument für eine eventuelle Veränderung ein, …“auch als Staatsbürger werde ich in Österreich doch immer der „Reing´schmeckte, Piefke, Marmeladinger und was sie sonst noch für pikante Kosenamen für uns Deutsche erfunden haben, sein“, raunte er mir leise zu.

Ich zuckte die Schultern.

Das zweite Viertel zerging noch schmackhafter auf der Zunge, machte sie ein bissel schwerer, verbannte aber alle Fragen ins Abseits.

Es wird schon alles kommen, wie es richtig ist, tröstete man sich. Momentan zählte jedenfalls nur die Gegenwart und die wollte einfach gelebt werden.

Zu fortgeschrittener Stunde tauchten dann auch noch, wie vom Himmel gefallen, zwei Geiger auf. Musikanten in roten, armlosen Westen über blütenweißem Hemd und schwarzen Hosen.

Das Stimmengewirr verstummte, HändeklatschenHHändeklatschen begrüßte die sonnenverbrannten, dunkelhaarigen Ankömmlinge.

Bewusst langsam bewegten sie sich entlang des Ganges zwischen den Tischen, entlockten ihren Instrumenten betörende Weisen, die das Ohr umgarnten, ihm alle Sehnsüchte der weiten, eintönigen und doch so faszinierenden Pusztalandschaft zuflüsterten, während sie dem Auge die Bilder von Hirten, die mit ihren Schafen über die Ebenen zogen, vorgaukelten.

Tief neigten sie sich immer wieder zu den Gästen herab, holten mit dem Bogen, unterstützt von vibrierenden Fingern alle Varianten menschlicher Gefühle aus den grazilen, von schlanken Hälsen getragenen Geigenkörpern. Klänge von aufjauchzender Freude, sprühender Leidenschaft und gleich darauf tiefster Niedergeschlagenheit…erzählten von Liebesseligkeit und abgründigem Hass.

Kein anderes Instrument konnte so glutvoll jubeln, verzweifelt seufzen, schmachtend träumen, so emporheben, so klagend abstürzen wie dieser hölzerne Leib, wenn ihn ein Primas zum Tönen zwang.

Die weißen Pluderärmeln zitterten mit, wenn der Stab die Saiten streichelte und sie zum Klingen brachte.

Jede Begegnung mit den von Menschen erschaffenen Künsten und ganz besonders der Musik, führte von der Nüchternheit des Daseins hinweg, öffnete den Weg in eine andere Dimension, in der sich Fantasie mit Emotionen aus den Tiefen der Seele paarte, glich einer Flucht aus der Erdenschwere…

Sehr beschwingt und erleichtert, stapften in der Stille der Nacht, auch wir unserem nahen Hotel zu.

Längst hatten sich die Störche über dem kleinen Städtchen in ihre Horste gekuschelt, sammelten Kraft für den kommenden Tag und den, ihnen in ein paar Wochen bevorstehenden, langen Zug, in die Winterquartiere.

Auch bei uns Beiden löschte der nächste Morgen die erlebte Verzauberung auf, verwies sie in den Bereich der Erinnerung. In doppelter Hartnäckigkeit meldete sich wieder die Frage des Für und Wider einer eventuellen Veränderung.

Die Last der Entscheidung wog besonders schwer, da sie nicht unter zwanghaften Umständen, sondern freiwillig, auf eigenes Risiko zu treffen war.

Natürlich spielte der Reiz des Wagnis, des Abenteuers, eine verführerische Rolle dabei. Weder Kurt noch ich waren Stubenhocker und alles Neue, Unbekannte zog uns ohnedies unwiderstehlich an.

So schlug das Pendel des „Für“ und „Wider“ in den nächsten Tagen in heftigen Schwingungen mal auf die eine, mal auf die andere Seite aus. Und da die Tage für das neckische Frage- und Antwortspiel nicht ausreichten, mussten auch die Nächte dafür herhalten.

Eine lange Woche dauerte es, bis der seidene Faden endlich seine Richtung gefunden hatte. Und diese wies auf… Aufbruch!

Am folgenden Samstag starteten Kurt und ich zum abermaligen, unumgänglich notwendigen Trip Richtung Steiermark und dem entlegenen Gehöft in St.Pankraz.

Für uns Beide war der „Fall“ klar, aber welches Echo würde er bei der Familie finden?

Es dämmerte bereits, als wir den Aufstieg antraten.

Die Sonne war untergegangen, nur ein schwacher, rötlicher Schimmer färbte noch den dunkler werdenden Horizont.

Wie eine drohende Wand erhob sich vor uns der Berghang, der mit seiner dichten, grünen Decke das verbleibende Licht gierig zu verschlingen, im Begriff war.

Wir kannten den Weg vom letzten Mal, aber heute schien der schmale Pfad sich im Nichts zu verlieren und wir hatten Mühe, ihm zu folgen.

Hurtig stiegen wir bergan.

Die Augen gewöhnten sich zwar langsam an die Düsternis, filterten Umrisse der Umgebung heraus, aber die Atmosphäre blieb ein wenig gespenstisch.

Ab und zu raschelte es neben unseren Füßen, doch der Grund dafür war nicht zu erkennen.

Die Mondscheibe hatte sich zu einer schmalen Sichel reduziert und ihr fahler Schein fand keinen Einlass in das Blätterdickicht, das von keinem Windhauch auseinander gespalten wurde.

Je höher wir kamen, desto mehr hüllte uns die Finsternis ein.

„Bleib´ dicht hinter mir“, forderte mich Kurt auf, „wir müssen bald oben sein!“

Doch nirgendwo öffnete sich die erwartete Lichtung.

Nur das Geräusch unserer vorsichtigen Schritte und immer wieder unsichtbare, huschende Wesen, die offenbar unserer Anwesenheit zu entfliehen versuchten, begleiteten uns als beängstigende Phantome.

Die Stunde Anstieg war längst absolviert und rundum nichts als Wald, unendlich dunkler Wald….

„Haben wir uns verirrt?“ fragte ich bange und dieser schreckliche Verdacht malte sogleich groteske Bilder aus alten Märchen und Erzählungen vors innere Auge.

Zwar glaubten wir weder an Spuk noch Dämonen, auch nicht an Gnome und Zwerge, die in Wäldern ihr Unwesen trieben, auch gefährliche Wölfe gab es in der Steiermark schon lange nicht mehr, aber der Gedanke, hier auf dem kalten Boden die Nacht verbringen zu müssen, jagte mir doch einen Angstschauer über den Rücken. Unser Reisegepäck beinhaltete außer Zahnbürste und Seife, so gut wie nichts.

„Kann ich mir nicht vorstellen“, beschwichtigte Kurt zuversichtlich. „Ich habe keinerlei Abzweigung gesehen!“

„Gesehen…was für ein Witz!“ seufzte ich. „Aber die erwarten uns doch. Unser Brief müsste sie erreicht haben, warum helfen sie uns nicht mit ein bisschen Licht aus diesem Dschungel?“

Kurt zuckte die Schultern. „Wie soll sich denn ein Petroleumfunzerl gegen solch´ penetrante Sperrmauer durchsetzen? Was anderes gibt’s ja hier nicht!“

Ich nickte betrübt.

„Stimmt, was anderes gibt’s hier nicht….“

Ach, die so viel geschmähte Zivilisation, könnte sie doch jetzt, wo man sie dringend brauchte, als Retter einspringen….

Momentan jedenfalls, hatte die vom Menschen unbeleckte Natur ihr unheimlichstes Antlitz aufgesetzt, zeigte sich plötzlich als unerbittlicher Feind, mit dem es zu kämpfen galt.

Tapfer bemühten wir uns um einen Sieg gegenüber ihren Fallstricken, die sich uns von allen Seiten entgegen stellten.

Wo befand sich die Lichtung?

Sämtliche Richtungen verschwammen zu einem undurchschaubaren Durcheinander. Ein Puzzle, das nirgendwo zusammenpasste. Was bedeutete jetzt noch vorne, hinten, rechts oder links?

Vielleicht waren wir schon so und so oft am erlösenden Ausweg vorbei geirrt, hatten die falsche Fährte verfolgt…es gab keine Möglichkeit, sich an etwas zu orientieren…

Es war, als ob ein hämischer Waldgeist seinen Schabernack mit uns triebe.

Noch eine Stunde oder mehr, zerrannen uns unter den Füßen.

Ich war müde, der Wunsch zu schlafen würde übermächtig. Was sollte es, die Nacht war zwar kühl, aber allerlei Düfte verführten zum sich hinstrecken und alles andere dem lieben Herrgott zu überlassen.

„Komm`, „ holte mich Kurt energisch aus meiner plötzlichen Apathie. „Wir gehen jetzt einfach querfeldein…“ er nahm mich an der Hand und zog mich mit sich fort.

Gestrüpp streifte mal mein Gesicht, mal zerrte es an meiner Kleidung.

Und da – sei es, dass die Kobolde des grausamen Spiels überdrüssig geworden waren, oder hatte der Allmächtige ein Wunder für uns inszeniert…? Ganz mickrig, ganz spärlich irrlichterte ein schwacher, kaum sichtbarer Schein aus dem Laub über unseren Köpfen.

Minuten später standen wir wahrhaftig am Rande einer Lichtung!

So klein wie auch immer, hatte das Petroleumfunzerl seine zivilisatorische Pflicht gegenüber uns waidwunden Wanderern doch noch erfüllt.

Mutter empfing, uns längst Überfällige, mit einem dreifachen „Na endlich, Gott sei Dank“ und bewegte immer wieder ihre wie zum Gebet gefalteten Hände.

Das Wiedersehen verlief so überschwänglich, als wären wir von einem fremden Stern auf die „sichere“ Erde zurückgekehrt.

Nur Karin schlief längst in ihrem Bettchen und verarbeitete im Traum die eigenen Tageserlebnisse, die auf anderer Ebene abgelaufen waren.

Es dauerte ein Weilchen, bis wir, glücklich den Nachtgespenstern entronnenen, unsere Odyssee überwanden und auf die Ursache des stressigen Ausflugs umschalten konnten.

Sehr exakt erläuterte dann Kurt den Zweck unseres Unternehmens, wobei er allerdings die Chancen des deutschen Angebots ins Überdimensionale steigerte, was wiederum ihre Wirkung auf meine Mutter, nicht verfehlte.

„Mein Gott, dass ist ja eine einmalige Gelegenheit“, freute sie sich spontan über die unerwartete Nachricht, ohne rechte Vorstellung, welche Konsequenzen diese mit sich bringen würde.

„Ihr werdet natürlich, wenn ich erst in Deutschland Fuß gefasst habe, nachkommen und bei uns ein Zimmer bewohnen. So lange müsst Ihr die Stellung in Wien halten“, baute Kurt zielsicher, irgendwelchen Einwänden vor.

„Du darfst diese Chance keinesfalls ablehnen“, entschied Mutter nach einer kleinen Denkpause.

Sie wusste ja immer, dass ihr Schwiegersohn zu etwas Höherem auserkoren war und sah ihn bereits im Kreise der oberen Zehntausend schalten und walten.

Wenn es auch so manches Hühnchen mit ihm zu rupfen galt, so war sie doch von seinen überragenden Fähigkeiten überzeugt und davon hatte er ja immerhin bereits Kostproben geliefert.

Auch mit seinem Hitzkopf war sie bisher ganz gut fertig geworden.

Vater hörte schweigend der aufgeregten Diskussion zu und enthielt sich, wie meist bei brisanten Themen, der Stimme. Er wusste, dass letzten Endes sowieso das geschah, wofür Mutter und die anderen sich entschlossen hatten. Außerdem hatte er zu seinem Schwiegersohn echtes Vertrauen. Wenn er die Zukunft in eine spezielle Richtung dirigierte, dann würde es wohl die richtige sein.

So kam es, dass in einem kleinen Holzhäuschen am Rande der Welt, das bereits geplante Fundament für das weitere Schicksal, endgültig zementiert wurde.

Der hausgebrannte Obstler besiegte, kräftig wie er war, jeden Rest von Zweifel.

In dieser kurzen Nacht fanden alle Beteiligten in den mit dicken Strohsäcken gepolsterten Betten eine erholsame Ruhe und niemand störte es, dass in ihnen auch gewisse Tierwinzlinge ihr Domizil aufgeschlagen hatten. Dass uns diese kecken Zirkuskünstler klammheimlich als willkommenes Mahl etwas Lebenssaft abgezwackt hatten, merkten wir ohnehin erst am folgenden Morgen.

Frohgemut, hoffnungsbeladen traten Kurt und ich nach einer Stärkung, die uns zwei Kühe –Muh und Bless – frei Haus spendiert hatten, den Rückweg an.

Stolz berichtete Karin während des kräftigen Frühstücks mit Bauernbrot, dass sie die braune „Muh“ schon mal melken durfte, während dies bei der schwarzen „Bess“, durch deren störrischen Charakter, nicht bewilligt wurde.

Na ja, wie Mensch nicht gleich Mensch, so ist halt auch Kuh, nicht gleich Kuh.

Der September spendete erste Kühlung und Regen reinigte die Straßen, Häuser und Dächer der Stadt vom Staub der Sommerwinde.

Noch mischte die Sonne immer wieder mit ihrer strahlenden Kraft im Wettergeschehen dominierend mit, wurde aber, dem Lauf der himmlischen Gesetze folgend, zuweilen abgebremst.

In dieser Zeit rüstete sich Karin für den Eintritt in die Schule.

Auf ihrem Rücken wurde eine lederne Schultasche montiert, in der Hefte, Kreide, Bleistifte und sonstige Utensilien auf ihren Einsatz warteten.

Feierlich wurde dieser allererste Einstieg ins Erwachsenenleben begangen.

Die Sitte der mit Süßigkeiten gefüllten, bunten Tüte als Einstand, hatte sich zwar in Österreich nicht so recht durchgesetzt, aber ein emotionales Fest wurde es auch hier.

Mehr fast für die Angehörigen, als für die Zöglinge. Die waren vor allem neugierig, was da auf sie zukam. Neugier, gepaart mit Angst, versteht sich…

Es war die gleiche Schule, in der auch ich vor fast 3 Jahrzehnten mit einem Ranzen auf dem Rücken in die „ernste Phase“ des Daseins hineinspaziert war.

Die schmale Gasse, nach dem großen Mathematiker, Philosophen und Physiker Gallileo Gallilei benannt, der im Mittelalter von der Kirche zum Abschwören seiner „Irrtümer“ gezwungen worden war, hatte sich nicht verändert.

Von ihm wussten die kleinen Schulgänger noch nichts, irgendwann würden sie von der Schmach erfahren.

Wie einst auch ich, wurde Karin die ersten Wochen den kurzen Weg über den Sobieski-Platz, auf dem vor nicht allzu ferner Zeit, Juden gedemütigt wurden, von Mutter oder Vater begleitet.

Auch die hölzernen Bänke und die große Tafel auf dem Podium, an der die Prüflinge ihr Wissen weiß auf schwarz demonstrieren mussten, waren noch dieselben.

Nur die Parolen, die den Kleinen von Staats wegen eingetrichtert wurden, hatten sich gewandelt.

War es bei mir, die auch nicht gerade von Demokratie geleitete Dollfuß-Ära, der es per Gebet zu huldigen galt, folgte unter den Nazis der hoch gestreckte Arm mit dem Hitler-Gruß als Morgenandacht, so galten nun die Embleme der neue Republik.

Noch lief das Leben in unserer Familie nach bewährtem Muster ab, doch der Vertrag, den Kurt nach der nochmaligen Reise von Ulm mitgebracht hatte, verpflichtete ihn ab 1.1.1951 zu einer folgenschweren Wende in unserem Alltag.

Um jede weitere Verzögerung zu verhindern, war kurz vor dieser Fahrt ein drittes Telegramm eingetrudelt und verlieh dem bevorstehenden Abschluss, einen besonders pikanten Geschmack.

So lagen denn trotz aller äußerlichen Ruhe eine unsichtbare Spannung, ein Gemisch aus Freude, Erwartung und ein Schuss Bangigkeit in der Luft.

Dem bunten Farbenglanz des Herbstes, folgte das übliche Einerlei aus Wolken und Nieselregen.

Just an einem solch´ trostlosen Abend, wo sogar der Wetterfrosch sich tief unter seiner Leiter

Im Moos versteckte, servierte Mutter nach dem Essen der Familie eine höchst spektakuläre „Nachspeise“.

„Wir haben uns alles gut überlegt“, begann sie feierlich und diesmal schien wirklich auch Vater in das Komplott miteinbezogen worden zu sein. Sein freundliches Grinsen verriet es.

Verwundert schauten Kurt und ich uns an…

„Wir wollen unsere alten Tage nicht im 4. Stock eines Miethauses in der Großstadt verbringen“, platzte Mutter mit dem Resultat ihrer „Überlegungen“ heraus und schaute Vater herausfordernd an.

Wir waren leicht geschockt, sogar Kurt blieb einen Moment die Sprache weg.

„Ich habe Euch doch versprochen, dass Ihr nach Deutschland nachkommen werdet,“ stammelte er dann.

Mutter schüttelte energisch den Kopf. „Wir sind Österreicher und Vater hat doch einen Bruder in Bregenz…das ist dicht an der deutschen Grenze und wäre also genau das Richtige

für uns…“

Ich dachte nach und erinnerte mich, dass hin und wieder von einem solchen Bruder, also meinem Onkel die Rede war.

Er hatte vor vielen Jahren die Stadt Wien verlassen und war ins so genannte „Ländle“ gezogen, wie Österreich sein entlegenstes Bundesland nannte.

Die angeheiratete Tante wäre sehr bald krank geworden und mittlerweile verstorben. Drei Töchter gehörten zu der Clique, von der man in Wien bis auf ein paar lapidare Neujahrsgrüße

nichts mehr gehört und gesehen hatte. Nur durch gelegentliche Erzählungen hatte ich von deren Existenz erfahren.

„Sucht´s uns eine Wohnung in Vorarlberg!“ tischte Mutter das ungewöhnliche „Dessert“ ohne Umschweife auf.

Jetzt verwandelte sich Kurts Sprachlosigkeit in ärgerlichen Unmut.

„Wie stellt` Ihr Euch das denn vor?“ polterte er los.

„Heutzutage eine Wohnung zu finden, gleichgültig wo, ist doch so gut wie unmöglich! Ohne hohe Kaution läuft nirgendwo etwas!“

Mutter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Wir haben doch zwei Wohnungen und gerade weil die Mangelware sind, ist ihr Wert entsprechend groß“, trumpfte sie auf.

„Aber die gehören nicht uns…“ unterbrach er sie barsch.

„Na, mit der Hausfrau und ihrer alten Mutter werden wir schon einig, die kümmern sich sowieso um nichts und wenn die zusätzlich zur Miete für eine Unterschrift bei neuen Parteien, ein paar Schilling kriegen, sind sie auch mit anderen Bewohnern einverstanden!“

Kurt sprang so energisch auf, dass die Teller samt Besteck am Tisch verdächtig zu klappern begannen.

„Jetzt bin noch nicht einmal ich in Ulm installiert…“ ging er im Zimmer auf und ab…“und Ihr kommt mit solch´ absurden Ideen daher“, schüttelte er den Kopf.

„Beruhig´ Dich“, lenkte Mutter ein. „Das ist natürlich noch Zukunftsmusik, aber eine sehr Wohlklingende…Vor Mitte nächsten Jahres können wir sowieso nicht von Wien weg. Karin muss ja hier ihr erstes Schuljahr fertig machen!“

Ich war nachdenklich geworden und fand den Gedanken meiner Mutter gar nicht so schlecht.

Gegenüber der Entfernung Wien-Ulm, erschien Bregenz-Ulm geradezu als Katzensprung.

Auch konnte ich ihren Wunsch „runter vom 4.Stock und raus aus der Großstadt“ verstehen. Schließlich kriegten sie ihre Pension überall im Lande und Mutter hatte immerhin ihre Kindheit und Jugend im freien, unverbauten Umfeld zugebracht.

Vater dagegen war stets zutiefst verbunden mit seiner Heimatstadt. Er kannte ihre Geschichte, wusste um ihre Prachtbauten, von wem und aus welchem Anlass sie errichtet wurden. Erzählten doch ihre Palais von einer ruhmreichen Vergangenheit.

Das Kaiserreich hatte diese Stadt erschaffen und sie beseelt, hatte sie verantwortungsvoll beherrscht.

Danach folgte nichts als Krieg und Leid und Elend und wieder Krieg.

Die Nazis hatten ihre geschichtsträchtigen Plätze für ihre Zwecke benutzt. Aufmärsche und Propagandaparolen entehrten sie schamlos.

Vielleicht war letzteres ein Grund, warum nun auch Vater einem Auszug aus dieser, „seiner“

Metropole, nicht abgeneigt war.

„Warten wir´s ab“, beschwichtigte ich daher. „Ich werde im nächsten Jahr bestimmt öfters Kurt in Ulm besuchen und warum sollten wir da nicht einmal übers Wochenende einen Ausflug nach Bregenz unternehmen? Es sind ja immerhin Verwandte die dort wohnen. Sie kennen zu lernen wär´ doch gar nicht so schlecht!“

Damit beruhigte sich die Situation ein wenig und jeder versuchte auf seine Art den deftigen „Nachtisch“ zu verdauen.

Wie stets, wenn etwas Besonderes bevorsteht, flogen die Wochen, den zu erwartenden Ereignissen, förmlich in ungestümer Geschwindigkeit, entgegen.

Sie rasten durch den Dezember und dessen kalte, finstere Tage, erhellten sie schließlich mit der Aussicht auf das himmlische Licht, das bald mit der Geburt des Kindes in Betlehem, die Erde mit einem überirdischen Schein erleuchten würde.

Die Kerzen am Adventkranz steigerten ihre Intensität mit jedem neuen Sonntag, flackerten verheißungsvoll dem Fest entgegen.

Das Besinnliche dieser Zeit der Vorfreude wurde allerdings vom Satan „Begierde“ recht geschickt ins profan Geschäftliche umfunktioniert. Von Lametta glitzernd lockte er aus den Schaufenstern, weckte Wünsche nach Dingen, die so lange „tabu“ und unerfüllbar waren.

Die bescheidenen Zutaten zur großen Feier, wie Nüsse, Äpfel oder Lebkuchen waren zu selbstverständlichen, aber nebensächlichen Beigaben herabgesunken…man wollte mehr, immer mehr.

Man schenkte und wollte beschenkt werden.

Nachdem die zutiefst anrührende Melodie der „Stillen Nacht“ verklungen, alle flimmernden Kerzen am aufgeputzten Bäumchen gelöscht waren, bereitete sich am 31.12. das Jahr auf seine Abschiedsfeier vor.

Alle möglichen Orakelsprüche sollten helfen, das Geheimnis des folgenden „Benjamins“ zu lüften und den Blick in die Zukunft, wenigstens einen kleinen Spalt öffnen.

Daher wurden bizarre Bräuche um die Mitternacht des bevorstehenden „Neuen“ beschworen, die Freude, Glück oder gar Unheil prophezeien könnten.

Einer davon war die Sitte des Bleigießens, wobei ein Batzen der silbrigen Masse zuerst durch Hitze verflüssigt wurde, um danach im eiskalten Wasser zu aussagekräftigen Klumpen zu erstarren.

An diesem 31.12. gewann die kultische Handlung für uns irgendwie einen verborgenen Sinn, den man in gespannter Erwartung zu deuten versuchte.

Sowohl Kurt, als auch ich hielten nach der Prozedur jeweils ein undefinierbares, zerklüftetes Etwas in der Hand, das wir eifrig zu enträtseln versuchten. Das Stück Metall von mir, zeigte, ausgehend von einem dicken Leib lauter Zacken und Spitzen, die sich nach allen Richtungen verzweigten.

Kurt sein „corpus delicti“ hatte sich in die Länge entwickelt; dünn, sperrig, widerborstig mit Dornen, die aus kleinen ovalen Tropfen sprossen, präsentierte es sich zynisch seinem Betrachter.

Groteske Ausgeburten der Materie, die in kein Schema passten.

„Kann alles oder nichts bedeuten“, legte Kurt mit einer wegwerfenden Handbewegung seine Missgeburtl beiseite, öffnete gleich darauf vorsichtig den Verschluss der Sektflasche, denn die Mitternacht rückte näher.

Auch die anderen konnten mit ihren gegossenen Offenbarungen nichts anfangen, mühten sich um Identifizierungen, von denen keine so recht zu ihren Wunschbildern passen wollte.

Die Zukunft ließ sich scheinbar doch nicht in ihre Karten schauen, blieb stumm und rätselhaft.

Aus dem Radio erklang feierlich und dröhnend der erste Glockenschlag.

Man versammelte sich mit den gefüllten Sektgläsern um den Tisch, Kurt hatte die Fenster entriegelt, um sie im entscheidenden Moment rasch öffnen zu können.

Das Alte raus-, das Neue reinlassen, verlangte der Volksmund,

Man zählte mit:…7, 8…11…12….

Kalt strömte die Winternacht ins warme Wohnzimmer.

Verbraucht und alt schlich sich das Gewesene hinaus, munter und keck voller Geheimnisse schlüpfte das Zukünftige von draußen herein.

Man umarmte sich, wünschte sich mit einem vielstimmigen „Prost“ alles Gute, während aus dem Radio die beschwinge Melodie des Donauwalzers zum Tanz aufforderte.

Kurt und ich drehten auch gleich ein paar Runden, aber da mischte sich bereits lautes Geknalle in die sanften, schmeichelnden Klänge der Musik.

„Das Silvesterfeuerwerk…“ und alle eilten, die Sektgläser in Händen, hinüber in die Wohnung von den Eltern, den nur hier wölbte sich der Himmel frei über Dächer und Höfe und gewährte Sicht auf seine Unendlichkeit.

Es blitzte und krachte am Firmament.

Ein Regen von roten, grünen, weißen Fontänen zerplatzte lautstark über der Stadt, taumelte als glitzerndes Geschmeide zur Erde zurück.

Kaum war eine der Feuerkugeln verglüht, entfachte ein neuer Knallfrosch, neue von Farben strotzende Muster am dunklen Horizont, als wollten sie all sein Sternengewirr mit irdischem Hochmut übertrumpfen.

20 Minuten nach seiner Geburt, verklang allmählich der Lärm des Begrüßungsrituals und die Nacht erhielt ihr schwarzes Antlitz zurück.

Mutter verrammelte mit dicken, ausgemusterten Stoffballen wieder die Zwischenräume von Innen- Außenfenstern gegen die Kälte. Mit einem tiefen Atemzug und nochmaligem „Prosit“ verabschiedete man endgültig das Entwichene und wandte sich hoffnungsfroh der soeben angebrochenen zweiten Hälfte dieses bislang so arg geschundenen Jahrhunderts zu.

Würden es die Menschen besser zu gestalten wissen?

Gegenüber in den eigenen 4 Wänden, wartete bereits ein Koffer, bepackt mit den nötigsten Habseligkeiten für Kurts Abreise in einen neuen Lebensabschnitt.