1938 Wien

im März

Heiser, bewegt, erklang plötzlich eine Stimme aus dem kleinen Radio, das seit kurzem die Kopfhörer als Nachrichten- und Unterhaltungsquelle abgelöst hatte Der Bundeskanzler… offensichtlich bedrängt von irgendwelchen Leuten, versuchte zu sprechen.

„Wir weichen der Gewalt…“ verkündete er in einem letzten Aufbegehren, voll Dramatik. „Gott schütze Österreich!“

Stille folgte, unterbrochen von einigen unverständlichen Geräuschen, ehe Anweisungen, Aufrufe von anderer Tonart folgten.

Vermutlich wurden weitere Erklärungen und Äußerungen massiv unterdrückt.

Meine Eltern saßen wie versteinert vor dem kleinen Gerät.

„Was ist denn los…“ irgendwie hatte ich die Turbulenzen mitgekriegt und eilte von meinem Kabinett in die Küche.

„Ein Umsturz…“ schluchzte meine Mutter fassungslos. „Die Nazi´s kommen…!“

Danach verlief alles in so rasantem Tempo, dass keine Zeit zum Nachdenken oder gar zum Widerstand blieb.

Deutsche Truppen waren bereits in Österreich einmarschiert und über Nacht – wie auf geheimen Befehl – flatterten am nächsten Morgen von allen Häusern, in Hinterhöfen und an den Straßenseiten, Tausende von roten Fahnen mit dem charakteristischen, schwarzen Hakenkreuz, über die ganze Stadt. Lustig wehten sie im Märzwind miteinander um die Wette, verhießen Erlösung von den Wirren der Vergangenheit.

Ich wusste nicht viel anzufangen mit der neuen Situation…

Mein Elternhaus, von Vaterseite her betont katholisch geprägt – was mir, im Hinblick auf die damit streng einzuhaltenden Kirchenpflichten, manches Korsett anlegte – stand diesem Einmarsch höchst ablehnend, aber hilflos gegenüber. So konnte auch ich über die abrupte Veränderung nicht jubeln und die, wie ein Orkan über das Land hereinbrechende Begeisterungswelle verwirrte mich ziemlich.

Betroffen spazierte ich an einem der nächsten Tage durch die Gassen, an der kleinen Trafik vorbei, deren Auslage auf Straßenniveau lag und zu deren Eingang man ein paar Stufen hinuntersteigen musste. Alle möglichen Utensilien, wie Zigaretten, Briefmarken, Ansichtskarten konnte man hier kaufen.

Ich blieb vor dem Schaufenster stehen und wunderte mich, dass da auf einmal Karten mit völlig anderen Motiven, gut sichtbar, ausgestellt waren. In der Mitte befand sich beispielsweise ein attraktives Bild, das die Statue der Germania zeigte, zu deren Füßen ein Mädchen mit aufgelöstem blonden Haar kniete und zärtlich die Beine der Riesin umfasste.

Darunter stand in verschnörkelter Schrift, aber gut lesbar ein Sprüchlein: ´Nimm an Dein Herz Germania, Dein blondes Kind vom Donaustrand!

Angewidert von dem billigen Kitsch, schlenderte ich kopfschüttelnd weiter.

Vieles war in diesen Tagen unverständlich. Meine Heimat, die kleine Republik sollte nun an Deutschland angeschlossen – als Anhängsel des großen, fremden Reiches – nicht mehr Österreich, sondern Ostmark heißen…Männer in braunen Uniformen, das rote Hakenkreuz am Ärmel, tauchten in den Strassen auf, Soldaten waren da und dort zu sichten und über allem dominierte als Heil bringendes Symbol, das Hakenkreuz.

Wie mein Vater mir erklärte, war dieses Emblem in der Frühgeschichte ein ziemlich umstrittenes, religiöses Zeichen – Sonnenrad, Spiralmotiv, Thor´s Hammer, doppelte Wolfsangel…

Im 19. Jh. hätte es von den fanatischen, deutschgläubigen Klassen um Turnvater Jahn einen politischen Inhalt bekommen und wurde zum Feldzeichen des Antisemitismus. Bereits 1920 hätte es Hitler zusammen mit der schwarz-weiß-roten Fahne zum Banner der NSDAP erhoben.

In diesen Tagen nach der Annexion boten die Wiener Straßen ein Flair wie nie zuvor.

Als Kuriosum besonderer Art, zog dann auch noch der so genannte „Bayrische Hilfszug“ durch die Straßen der diversen Bezirke. Als eine Art Nachbarschafts- oder Bruderhilfe verteilte er kostenlos warme Mahlzeiten an die arme, „bisher unterdrückte“ Bevölkerung. Aber es befand sich beileibe kein würziges Gulasch in dieser dampfenden Kanone, auch kein leckerer Kaiserschmarren oder ähnliches. Ein mickriger Linseneintopf sollte den Appetit der Wiener anregen. Trotzdem griffen viele, die normalerweise wenig Gefallen an solchem Mischmasch hatten, wenn schon nicht aus Hunger, so doch aus Neugier zu dem ungewohnten Sonderangebot.

Sehr niedergeschlagen über das Geschehen, waren vor allem meine Eltern.

Bald nach diesen aufwühlenden, politischen Ereignissen eilte Mutter die wenigen Gassen zur Wohnung ihrer „gnädigen Frau“, die sie seit ihrer Dienstzeit verehrte und bewunderte.

Erst vor knapp einem halben Jahr war einer ihrer Brüder einem Herzschlag erlegen. Nun erwartete sie eine weitere Hiobsbotschaft. Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Deutschen, hatte der zweite Bruder Selbstmord begangen.

„Um Gottes Willen, warum denn das?“ entsetzte sich Mutter.

Zwar hatte sie für die Brüder ihrer „Gnädigen“ nie Sympathie empfunden, aber sie gehörten eben zur Familie. Knallharte Geschäftsleute waren es, äußerst streng zu ihren Angestellten; keiner durfte wagen, auch nur eine Minute zu spät zur Arbeit zu erscheinen. Trotzdem, warum sollten sie jetzt Grund haben, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

„Sie wissen doch, dass in Deutschland große Spannungen zwischen Juden und Christen herrschen, erwiderte die „Gnädige“ und versuchte Haltung zu bewahren.

Die Märzsonne zwängte sich vorwitzig durch die feinmaschigen Stores der Fenster, überzog den weichen, lohfarbenen Plüsch der Couch mit einem goldenen Schimmer fing sich im sorgfältig zurück gekämmten Haar der Frau, das nun in einem satten Rot-Ton aufleuchtete.

Natürlich wusste auch Mutter, dass das große Geld vor allem in jüdischen Händen lag, aber was sollte es…Sie verstanden nun mal ihr Metier und waren tüchtig. Außerdem hatte es auf dieser Welt schon immer Arme und Reiche gegeben. Vor den Juden waren es die nun entmachteten Aristokraten.

Auf jeden Fall war es ratsam, sich mit den Reichen gut zu stellen. Ihr Wahlspruch war deshalb stets: ´In der Welt fährst Du am Besten, sprichst Du stolz mit stolzen Gästen, mit Bescheidenen bescheiden, aber wahr und klar mit Beiden.`…wobei das wahr und klar sicher der am schwierigsten zu handhabende Teil des sprichwörtlichen Ratgebers gewesen sein dürfte.

Scheinbar war durch diesen Umsturz alles in Unordnung geraten und Angst und Ungewissheit trieben Menschen zu übereilten Handlungen.

„Es wird schon nicht so schlimm kommen“… war wie stets Mutters positive Meinung. „Man kann doch niemand, ob Jude oder Christ das Recht streitig machen, Vermögen zu erwerben, wenn er sich dabei nichts Unlauteres zu Schulden kommen lässt“, bemühte sie sich, diesen Selbstmord als übereilt und sinnlos anzuprangern.

Miriams Mutter antwortete nicht, senkte den Kopf. Neben ihr saß – wie stets in Schwarz gekleidet, die zerbrechliche Gestalt der Frau Großmama, die innerhalb weniger Monate zwei Söhne verloren hatte. Ihre blauen Augen blickten aus dem strengen Gesicht, das keine weichen Züge kannte, ins Leere.

„Ach wissen Sie. Wenn man etwas finden will und sucht und die Jahrzehnte zurück durchstöbert…“ sie hielt inne, schwieg.

Deprimiert kehrte Mutter zurück nach Hause. Was würde die Zukunft für sie alle bereithalten?

Immer noch tänzelten die Fahnen mit den dicken Hakenkreuzen von den Dächern der Häuser, entfachten ein loderndes Feuer aus Rot und Schwarz.

Eines abends tauchte eine alte Bekannte bei uns in der Küche auf. Sie verrichtete ab und zu Näharbeiten für billiges Geld und half stets gern aus.

Natürlich sprach man bei diesem Zusammentreffen von nichts anderem als den Umsturz und der Ungewissheit, was damit alles verbunden sein könnte.

Versonnen blickte dieser Besuch – eine Frau mit gepflegtem Äußeren und feinen Gesichtszügen – hinaus, wo die untergehende Sonne all´ die im Hof hin und her pendelnden Flaggen in tiefem Rot intensiv aufflammen ließ. Ein leichter Wind fächelte frische Luft durch das geöffnete Fenster.

„So viel Blut wird einmal fließen“, sagte sie plötzlich sehr langsam und nachdenklich… so rot wie diese Fahnen, wird das Blut die Erde tränken…“

Meine Mutter erschrak.

„Um Gottes Willen, wie können Sie nur so etwas denken…“ wehrte sie entschieden ab. „Mir sind die neuen Machthaber auch höchst unsympathisch, aber dass sie mit einem neuen Krieg die Menschen abermals ins Verderben stürzen, nein, das traue ich ihnen doch nicht zu. Nein, das kann und will ich nicht glauben!“

Die Andere zuckte die Achseln, sagte nichts mehr und verabschiedete sich nach kurzer Zeit.

Von dem unvorstellbaren Rummel, der sich am „Ring“ und vor dem Rathaus abspielte, als jener von einem Nimbus verklärte Führer seinen Auftritt in Wien absolvierte, wurden wir durch das Radio informiert.

Als wäre der Herrgott selber als Heilsbote vom Himmel herabgestiegen, artete die Euphorie des Volkes in Massenhysterie aus.

Im Schritttempo fahrend, umgeben von einer riesigen Eskorte, begrüßte er mit hoch gestrecktem Arm die endlich befreite Heimat, das „Kind vom Donaustrand!“

Seine flammenden Worte dröhnten – immer wieder unterbrochen von einer, vom „Heil“-Brüllen heiseren Zuschauermenge – durch alle mobil gemachten Lautsprecher. Die Luft vibrierte und trug den immer wiederholten Refrain bis weit in die Straßen der Umgebung weiter.

„Ich versteh´ die Leut´ nicht“, seufzte meine Mutter. „Was der alles zusammen quatscht und die Leut´ glauben es auch noch…“

„Na, der alte Kaiser ist tot, er hat das schmähliche Ende Gott sei Dank nicht miterleben müssen, jetzt brauchen`s halt ein neues Idol zum Anhimmeln“, stellte Vater freudlos, nicht ohne Bitterkeit fest.

Auch ich fand die Stimme aus dem Radio schrill und unangenehm. Politik interessierte mich ohnehin nicht. Aber man musste abwarten, vielleicht war von dieser Regierung doch etwas Positives zu erwarten.

Die nächsten Tage bescherten mir allerdings diesbezüglich keine günstigen Aussichten.

Die Schule hatte nach all´ den Turbulenzen wieder ihren Betrieb aufgenommen, doch meine Kameradinnen zeigten sich auf einmal mir gegenüber sehr abweisend.

Eine Gruppe von ihnen beriet sich eifrig über die Kleidung für die demnächst stattfindenden Aufmärsche und Festlichkeiten. Braun war jedenfalls die Farbe der neuen Zeit.

Als ich mich neugierig zu den Kolleginnen gesellen wollte, wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich keine Kniestrümpfe dieser Couleur tragen brauchte, da ich doch nicht zu ihnen gehörte.

Ziemlich betroffen, fühlte ich mich plötzlich aus dem vertrauten Kreis ausgeschlossen, wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte.

Meine jüdischen Mitschülerinnen, mit denen ich mal mehr, mal weniger Kontakt hatte, verhielten sich merkwürdig stumm und sonderten sich ebenfalls ab.

Eine sehr ungute Atmosphäre herrschte nun in dieser, meiner Schule.

Um sich offiziell zu legitimieren, setzte das neue Regime sehr bald freie Wahlen an.

Zwar befanden sich in den Wahllokalen kleine Kabinen, die eine Geheimabstimmung vortäuschten, aber dienstbeflissene Beamte, die hinter großen Tischen die Wähler empfingen, fragten jeden Einzelnen, ob er seine Stimme in einer der „Zellen“ oder gleich hier vorne abgeben möchte.

Und jeder der Ankömmlinge wusste, dass, wenn er sich in eine Kabine begab, ein Vermerk seitens der Funktionäre die Folge wäre. Er würde als bedenklich oder gar regimefeindlich gebrandmarkt werden. Und wer wollte sich von vornherein Nachteile einhandeln.

Es nutzte also nichts, auch meine Eltern mussten ihre „Ja-Stimme“ vor aller Augen in die Urne werfen, um nicht sogleich als Gegner angekreidet zu sein.

„Eine Augenauswischerei diese Wahl“, schimpfte Mutter, zu Hause angekommen.

„Was blieb uns denn anderes übrig als ´ja´ zu dokumentieren…“ seufzte auch Vater. „Selbst wenn wir den Mut zu einem ´nein´ gehabt hätten, an der Situation hätt´ sich nichts geändert. Der Parteiapparat ist perfekt organisiert, hat alles unter Kontrolle. Wir hätten uns damit nur geschadet.

Außerdem ist sowieso die Mehrheit absolut dafür, auch wenn sich mancher Nazi wohl diese Regierung, aber nicht einen Anschluss an Deutschland gewünscht hatten.“

Mit diesem Problem brauchte ich mich gottlob, da noch nicht wahlberechtigt, nicht herumschlagen. Aber so manches, „was wäre gewesen wenn…“ beschäftigte mich in diesen Tagen sehr.

Was wäre gewesen wenn mein „Ich“ in einem Elternhaus aufgewachsen wäre, das – verbotenerweise – und nun legal die Farbe „braun“ verehrte und sie jetzt stolz zur Schau tragen würde…“ Oder, wenn ich als Kind jüdischer Eltern die neue Zeit erleben müsste…“

Den stürmischen Märztagen folgte auch in diesem Jahr eine Farben sprühende Frühlingssymphonie, mit der die Natur jedes Mal im Mai die Menschheit verschwenderisch beschenkt, indem sie neues Leben aus vom Frost erstarrter Erde und kahlem Astwerk erblühen lässt.

Doch in sie verwoben waren diesmal Dissonanzen, die ihre Melodie verzerrten und ihr Antlitz beschmutzten.

Eines Tages auf dem Heimweg von der Schule, kam ich am Sobieski-Platz vorbei – einer winzigen, grünen Oase zwischen den Häuserzeilen der umliegenden Gassen. Hier wurde ich Zeugin einer makabren Szene.

Die Mietwohnungen hier unterschieden sich sehr von denen der angrenzenden Umgebung. Ausgestattet mit Bädern und eigenen Toiletten boten sie schon einigen Komfort und…waren großteils im Besitz von Juden.

Beim näher kommen merkte ich, dass heute hier etwas los sein musste. Eine große Menschenmenge bildete einen Kreis um einen Mittelpunkt. Undefinierbare Geräusche, Lärm drangen an mein Ohr, sodass ich einen Passanten nach dem Grund der Versammlung fragte.

Na, die reichen Juden da oben, haben´s aus den Wohnungen g`holt und lassen jetzt die verdammte Bagage mit Zahnbürsten den Platz kehren…recht g´schieht ihnen. Die haben´s Geld und wir mussten vor ihnen buckeln…Jetzt müssen´s sich selber bücken und ihren Dreck wegputzen…“

„…mit einer Zahnbürste…?“ stammelte ich fassungslos.

„Damit´s endlich merken, wie schwer arbeiten ist. Jetzt kriegen sie´s gezeigt…“

Ich stellte keine Fragen mehr.

Auch der Passant wandte sich zum Gehen.

Immer mehr Neugierige fanden sich auf dem Platz ein, erfreuten sich offenbar an dem gespenstischen Schauspiel. Ich hörte anfeuernde Rufe – Rufe des Hasses, als ob plötzlich eine Lawine losgetreten worden wäre, die nun unkontrolliert alles überrollte und wegfegte, was Jahrzehnte lang Bestand hatte.

Unwillkürlich musste ich an Berichte in historischen Büchern denken, dass in vergangenen Zeiten das Volk höchst belustigt zum Beispiel an Hinrichtungen von Misstätern als Zuschauer teilnahm und sich an ihrem Sterben ergötzte.

Was waren das für Menschen, die sich da am Platz an der Schmach von Mitbürgern delektierten?

Verbirgt sich Grausamkeit und Gewalt wirklich in den Urtiefen der menschlichen Seele und bricht hemmungslos aus, wenn das schützende Ventil durch irgendeinen Anlass plötzlich geöffnet wird?

Ein schrecklicher Gedanke…

Betroffen schlich ich nach Hause.

Was hätte ich tun können, tun sollen?

Gegen eine aufgebrachte Menschenmeute bedeutet Widerstand sinnloses Engagement, ist gewissermaßen selbstmörderisch…

So sagte es mir in diesen Augenblicken wohl der Instinkt – als Entschuldigung.

Nur weg, nichts hören, nichts sehen. Schließlich war ich wie die meisten Menschen ein wenig feige.

Von diesem Vorfall erzählte ich meine Freundin Miriam nichts, obwohl diese vielleicht schon von anderer Seite davon gehört haben mochte.

Welche Wandlung hatte sich nicht nur nach außen, sondern auch in den Herzen der Menschen vollzogen, die solche Ausgeburten als Kettenreaktion auslösten.

Schweigen und Angst gingen unter den jüdischen Bewohnern der Stadt um.

Miriams Mutter, durch den Tod der Brüder zu Reichtum gelangt, erkannte die Tendenz der Zeit und spielte bereits mit dem Gedanken, die Heimat und alles Bisherige aufzugeben, um anderswo in Sicherheit ein neues Leben zu beginnen. Keine einfache Sache, aber mit Geld müsste es zu schaffen sein.

Meine Mutter war bestürzt über diese Pläne und meinte, dass jeder Umsturz irgendwelche Auswüchse mit sich brächte, aber sich mit der Zeit alles wieder normalisieren würde.

„Nicht für uns Juden…“ schüttelte die schlanke, hoch gewachsene Frau den Kopf. Ihre Erscheinung strahlte Autorität aus.

„Sie kennen die Geschichte nicht…immer wieder sind wir verfolgt, vertrieben und sogar getötet worden. Wie Sie wissen, sind wir keine orthodoxen Juden und leben hier seit Generationen. Uns bedeutet der Glaube nicht mehr und nicht weniger wie den Christen auch. Wir befolgen die Regeln, die uns von der Religion vorgegeben sind, wie es auch die christlichen Gemeinden tun. Trotzdem und immer wieder waren gerade die Juden seit ihrer frühesten Geschichte Massakern ausgesetzt, die sie an den Rand der Vernichtung brachten.

Und dieser Führer, der nun auch Österreich regiert, ist höchst gefährlich für uns. Seine Ideen liegen vor allem im Nationalen und sind irrational…beherrscht von der unsinnigen Meinung, dass die Juden die Weltherrschaft anstrebten…“

„Was für eine Absurdität! Solche Ideen können nur im Gehirn eines Verrückten entstehen und das scheint der neue Machthaber eigentlich nicht zu sein. Manches was er verbreitet, klingt sogar plausibel.“

„Verrückt oder nicht, glauben Sie es mir für uns bedeutet er eine Katastrophe“, beendete Miriams Mutter die unliebsame Unterhaltung.

Der Frühling war noch nicht in die heiße Phase des Sommers übergegangen, die Wiesen dufteten noch nach frischem Grün, die Luft war von milder Wärme ohne den Gluthauch einer hoch stehenden Sonne, da traf meine Eltern ein jäher, unerwarteter Schicksalsschlag.

Ein Dekret der neuen Regierung versetzte Vater als „eines nationalsozialistischen Beamten nicht würdig“ in den vorzeitigen Ruhestand mit einem Drittel seiner Einkünfte, die ohnehin bescheiden genug waren.

Niedergeschlagen, hilf- und hoffnungslos standen beide vor dieser Resolution.

„Das darfst Du Dir nicht gefallen lassen“, begehrte Mutter auf. „So etwas gibt es doch nicht…Du hast Dir nichts zu Schulden kommen lassen, Du musst Dich wehren…“ sie schnappte nach Luft. „Der Grund dafür ist sicher, dass sie wissen Du bist Katholik und hast damals bei der Totenmesse eines Kollegen ministriert…“ es klang wie ein Vorwurf. „Was soll jetzt werden…“?

„Ich schreibe an die Regierung, werde protestieren“, gab Vater zerknirscht zur Antwort.

„Und wie sollen wir mittlerweile leben…“?

„Ich muss mich halt um eine andere Arbeit umschauen, ganz gleich um welche“, erwiderte Vater und seine blauen Augen in dem gutmütigen Antlitz nahmen einen sehr wehmütigen Ausdruck an.

„Das Kind soll keinen Nachteil davon haben! Wir müssen sehen wie wir durchkommen, aber sie ist jung, soll auch weiterhin ein sorgloses Leben führen.“

Vater nickte. „Ja, das Kind soll nichts merken…“

Natürlich merkte „ich“ Kind doch etwas, aber machte mir keine Gedanken darüber. Was verstand ich schon von Geld und den Nöten des Alltags. Ich war frohgemut und überlegte, welche Vorteile mir diese Regierung vielleicht bringen könnte. Es wurde ja soviel von ihr geschwärmt. Zwar fühlte ich mich momentan recht isoliert, aber Negatives deutete sich bis jetzt auch nicht an.

Na ja, und dass die katholische Bevormundung plötzlich gebremst wurde, die Kirche nicht mehr so viel Einfluss wie vor dem Putsch besaß, empfand ich keineswegs als unangenehm.

Selbstverständlich würde ich mich nie einer der neu gegründeten Organisationen anschließen, aber eventuelle Annehmlichkeiten am Rande mitnehmen, konnte doch keine Sünde sein.

Angesichts der nicht zu übersehenden Veränderungen ergaben sich selbstverständlich auch Gespräche mit Miriam, bei denen immer wieder ihre große Angst vor der Zukunft zum Ausdruck kam.

Es war ein schöner Vorsommertag, als wir gemeinsam durch das elegante Viertel der Cottage, mit den unter hohen Bäumen versteckten, alten Villen spazierten, das unmittelbar an das Zentrum der Stadt grenzte und doch schon etwas außerhalb, direkt zu den Ausläufern des großen Waldgebietes führte, das die Stadt im Westen umrahmte.

Am Rande dieses noblen Stadtteils, auf dessen Gehsteigen ausladende Alleebäume Schatten spendeten, befanden sich einige Parzellen, die für ein paar Groschen Pacht, weniger begüterten Bürgern einige Quadratmeter Grün boten und von diesen liebevoll bebaut und gepflegt wurden.

Einen dieser so genannten „Schrebergärten“ hatte ein Onkel von mir erworben und ihn zu einem schmucken Idyll herausgeputzt. Ein kleines Holzhäuschen zwischen die Beete gesetzt, bot nicht nur Schutz vor Regen, dessen winziges Kellerverlies hielt stets auch gute Weinsorten für durstige Besucher bereit. Draußen sammelte ein Holzbottich Regenwasser für Blumen und Gemüse, damit es üppig gedeihe. Dieses Miniaturreich war Onkels ganzer Stolz und Wochenendfreude. Gäste waren stets willkommen und so kannte natürlich auch Miriam längst diese Bilderbuch-Enklave.

An jenem Sonntag spazierten wir die Allee zu dem kleinen Anwesen hinauf und rasteten zwischendurch auf einer Bank unter einem Kastanienbaum, dessen weiße Kerzen mit rot gefleckten Rispen bereits verblüht waren und ihre verwelkende Pracht auf die Erde verstreuten.

„Schau…“, ging ich nach einer Weile auf Miriams Sorgen ein. „Du hast so oft Angst und immer war sie unbegründet…“

„Wir sind Juden und dieses Regime ist gegen die Juden“, blieb Miriam hartnäckig.

„Weil Ihr eine andere Religion habt? Trennt denn tatsächlich Religion die Menschheit, spaltet sie und erfindet Feinde?“ überlegte ich.

„Religionen haben wirklich oft viel Leid und Tod verursacht“, bestätigte Miriam.“ Und dabei seid gerade Ihr Christen mit dem Gebot der Nächstenliebe, das Euer Gott predigt, gar nicht zimperlich umgegangen…Es ist doch paradox, dass Ihr einen Gott anbetet, der Jude war und gleichzeitig die Juden in dieser 2000-jährigen Geschichte immer wieder verteufelt und verfolgt habt…!“

„Na, ganz so, war es ja auch wieder nicht“, verteidigte ich mich. „Jesus Christus war zwar Jude, aber er hat doch gerade die Missstände innerhalb der jüdischen Gesellschaft bekämpft und ist deshalb gekreuzigt worden…“

„Von den Römern…“ stellte Miriam fest.

„Wir haben es anders gelernt“, korrigierte ich.

„Das ist es ja eben…“ seufzte Miriam und schaute in das grüne Blätterdach über ihren Köpfen, das im sanften Wind leise zitterte.

„Also trennt Deiner Meinung nach tatsächlich die Religion die Menschen“, bohrte ich weiter.

„Du hast mich nicht ausreden lassen“, kam Miriam auf ihre vorherigen Gedanken zurück. „Das ist es ja eben, dass religiöse Dogmen so fanatisch, unterschiedlich oder gar gegensätzlich und provozierend gehandhabt werden…“

Und nach einer Pause, „aber diesmal ist es wahrscheinlich gar nicht die Religion…“

„Was denn sonst“, fiel ich ihr ärgerlich ins Wort.

„Diesmal sind es vor allem, wie oftmals vorher, in erster Linie rassische Gründe!“

Ein längeres Schweigen trat ein.

„Dieser „Führer“ und seine Partei proklamieren die arische Rasse, als vom Schicksal ausersehene Herrenrasse und will sie mit allen Mitteln zur einzigen Macht erheben“, folgerte Miriam nachdenklich.

„Was heißt denn schon arische und Herrenrasse“, ärgerte ich mich und dachte dabei an die vielen aus Tschechien, der Slowakei und Ungarn stammenden Verwandten und Bekannten; waren die nun Arier oder nicht.

„Wo leben wir denn? Im Mittelalter oder im 20.Jahrhundert? Das ganze Getue um die Arier finde ich einfach lächerlich. Das ist doch Schnee von gestern. Wir befinden uns schließlich in einer aufgeklärten Epoche!“

„Hoffentlich, aber ich habe trotzdem Angst…“ wiederholte Miriam.

„Die Altdeutsche Partei gab es schon zu Kaisers Zeiten und die hat mächtig gegen uns gehetzt!…und“, setzte sie anklagend fort, „hast Du nie davon gehört, dass man uns Juden im Mittelalter für die großen Pestepidemien die Schuld gegeben hat? Angeblich hätten wir Brunnen vergiftet und dadurch die Seuche in die Länder gebracht. Zu Tausenden wurde damals unser Volk gemordet!“

Energisch schüttelte ich den Kopf, vielleicht hatte ich irgendwann einmal davon gehört. „Ja, das sag` ich doch, das war eben das Mittelalter! Eine absurde Idee, jeder weiß heute, dass es Bakterien waren“.

„Heute…“, erwiderte Miriam. „Damals nicht. Damals hat man einen Sündenbock als Erklärung gebraucht und der war eben das Judenvolk…!“

„Mach´ Dich doch nicht verrückt“, versuchte ich das Gespräch in ruhigere Bahnen zu lenken. „Wir leben Gott sei Dank wie gesagt in einer fortschrittlichen Zeit und keiner wird Euch ungerechtfertigt etwas zu Leide tun.“

Miriam gab sich noch nicht zufrieden. „Sag´ mir doch, warum sind wir denn überhaupt – ganz abgesehen von der Religion – bei vielen von Euch so unbeliebt?“ Sie sah mich herausfordernd an.

Ich schluckte ein paar Mal, ehe ich eine Antwort fand.

„Warum…“ wiederholte ich und eine lange Pause entstand. Dann sprach ich das aus, was mir selbst schon öfter durch den Kopf gegangen war.

„Ihr seid zu gescheit, Ihr versteht es clevere Geschäfte zu machen, werdet damit reich und das neiden Euch die, die weniger erfolgreich agieren!“

Jetzt musste Miriam wider Willen lachen. „Du kannst mir doch nicht weiß machen, dass Ihr Christen nicht auch nach Geld strebt…“

„Ja, aber wir verstehen es wahrscheinlich nicht so gut zu perfektionieren!“

Das reizte Miriam zum Widerspruch. „Nein, es ist nicht nur der Neid“, beharrte sie auf einer Erklärung.

„Ja, Ihr seid manchmal auch ganz schön arrogant“, trumpfte ich nun auf und…“ jetzt viel mir Entscheidendes ein, „Ihr hält Euch Euerer Religion gemäß, für ein „auserwähltes Volk“, womit ich ungewollt wieder beim Glauben landete „und schottet Euch in ganz bestimmten Distrikten ab, um unter Euch zu sein. Ihr identifiziert Euch nicht mit dem Land, in dem Ihr lebt“?

„Na, wohnen wir nicht mitten unter Euch, gerade ein paar Gassen entfernt“, protestierte Miriam heftig.

„Euere Familie schon, aber viele – die meisten – leben auch heute noch abgesondert von den übrigen Bürgern in eigenen Bezirken – in Wien ist es zum Beispiel der Zweite – und“ nach kurzem Zögern sprudelt es aus mir heraus, „es sind viel zu viele von Euch, die sich Reichtum, Ansehen und vor allem Macht verschafft haben – zumindest im Vergleich zur minder bemittelten Mehrheit. Die Balance stimmt nicht mehr! Ihr seid als Minderheit plötzlich eine Mehrheit geworden…“ ich schaute erschrocken über meine eigenen Worte die Freundin von der Seite an und bereute sogleich das Gesagte. Schließlich konnten weder Miriam noch ich etwas dafür, dass es plötzlich zu derartigen Problemen gekommen war.

„Vielleicht hast Du Recht“, entgegnete dagegen Miriam gelassen. „Auch mir ist schon aufgefallen, dass es in unserer Gesellschaft oft Arroganz gibt, die uns unbeliebt macht. Aber auch Nichtjuden verhalten sich oft ähnlich, wenn sie mächtig und erfolgreich geworden sind; dann schauen sie auf weniger Gescheite mitleidig herab… Vielleicht verdirbt zuviel Erfolg den Charakter !?“

Wieder entstand eine Pause.

„Aber…“ setzte Miriam von neuem an. „Was Deinen Vorwurf wir würden uns absondern betrifft, lieber in bestimmten Ghettos leben“, sie wendete sich voll mir zu, sah´ mir ins Gesicht. „Weißt Du nicht, dass es oft ihr ward, die uns dazu gezwungen haben“?

„Davon weiß ich nichts!“

„Euere Päpste haben 350 Jahre lang – bis 1870 – mit nur kurzen Unterbrechungen, die Juden gezwungen in Rom in Ghettos am Tiber zu leben und zwar unter für Menschen unwürdigen Bedingungen. Nur wer sich taufen ließ, entging dem erbärmlichen Dasein dort. Im weltlichen Kirchenstaat, der

bis ins 19.Jhdt. hinein etliche mittelalterliche Provinzen umfasste, wurden die Juden als Gottesmörder, verstockte Ketzer und Blutsauger der Armen diffamiert.

Das römische Ghetto war 1555 unter Papst Paul IV., einem fanatischen Judenhasser, im düstersten Viertel nahe dem Tiber eingerichtet worden, seine Bewohner waren bis zum Ende des 18.Jhdts. bettelarm. Die katholische Kirche verstand sich damals ja als allein selig machende Heilanstalt! Das ging so weit, dass durch so genannte Nottaufen, jüdische Kinder den Eltern entrissen werden konnten…zeitweise wurde das Ghetto sogar wöchentlich „zwangsbepredigt“…

„Hör auf, hör auf…“ wehrte ich händeringend den aufklärenden Redeschwall Miriams ab. „Das waren eben die Auswüchse des Mittelalters. Dass der Katholizismus gegenüber Andersgläubigen oder Ketzern teuflische Mittel anwandte ist bekannt und wird von jedem vernünftigen Menschen heute zutiefst

als Wahnsinnsvorstellung bedauert, ist nicht mehr nachvollziehbar!“

Ich sprang auf, die Diskussion drohte sich ins Uferlose zu steigern.

„Komm´ wir müssen weiter, im Schrebergarten warten sie auf uns…“

Schweigend legten wir den restlichen Weg bis zu dem kleinen Gartentürchen zurück, der die bescheidenen, eingezäunten Anwesen von der sie umgebenden, vornehmen Umwelt abgrenzte.

In diesem Schuljahr schnitt ich mit schlechteren Noten ab, als die Klassen davor.

Waren es die Ereignisse, die über das Land hereingebrochen waren, war es die Ablehnung der Kameradinnen, die stolz ihre vorher geheime, nun gerechtfertigte, nationalsozialistische Gesinnung zur Schau trugen oder war es nur mein jugendlicher Übermut, der sich frei von schulischem Zwang austoben wollte…

Jedenfalls eröffnete ich eines Tages meinen ohnehin genug geplagten Eltern, dass ich die Schule verlassen und lieber einen Beruf ergreifen möchte.

Dabei hatte ich doch immer nach Wissen gestrebt und das Lernen bereitete mir zwar nicht immer, aber doch oft, viel Freude.

Meine Eltern waren schockiert… besonders Mutter hatte sich doch so sehr gewünscht, dass ihr Sprössling einmal eine große Karriere machen würde, vielleicht als Ärztin oder ähnliches… und nun wollte ich zwei Klassen vor der Matura das Gymnasium verlassen.

Sie besprachen sich mit den Professoren, die plädierten für einen unbedingten Verbleib, ich wäre doch begabt!

Es half nicht, ich wollte nicht mehr und strebte hinaus ins Leben, wollte Geld verdienen.

Mein Vater hatte inzwischen Brief um Brief an den Reichsstatthalter für die Ostmark – wie das Land nun hieß – geschrieben. Geboren in Südmähren, hatte der den Einmarsch der deutschen Truppen geleitet und den Anschluss vollzogen.

Die Eingaben blieben unbeantwortet und keine Aussicht auf Erfolg zeigte sich. Also hatte Vater der Not gehorchend, eine Stelle als Nachtwächter für zu bewachende Industriegelände angenommen. Diesmal eine ausschließliche Nachtarbeit. Als einst angesehener und geachteter Rayonsinspektor der Polizei

fühlte er sich zutiefst und zu Unrecht erniedrigt da er sich keiner Schuld bewusst war.

War es wirklich der kirchliche Liebesdienst an einem Kameraden? Denn, dass die neue Regierung keinerlei religiöse Bindungen und schon gar nicht zum Katholizismus pflegte, war inzwischen klar geworden. Die musste sich im Gegensatz zu ihren früheren Privilegien und Machtmitteln bescheiden zurückhalten.

So sehr sich Vater bemühte und fest entschlossen war für sein Recht zu kämpfen, hätte er tatsächlich reinen Herzens als Staatsbeamter dem neuen Regime dienen wollen?

Er hätte es wohl getan und würde es auch tun, wenn ihm Gerechtigkeit widerführe… aus Pflicht, denn der Staat, welcher auch immer, gäbe ihm das, was er zum Leben bräuchte.

Auch jetzt, in einer ihm unwürdigen Position verlor er nicht die Haltung, versah seinen Dienst korrekt…

Nachdem ich den fest Entschluss gefasst hatte, die Schule zu quittieren, war mein Ziel, mir in einem dreimonatigen Kurs so viel Wissen wie nur möglich, anzueignen: Stenografie, Maschineschreiben und Buchhaltung, denn ich strebte eine Bürotätigkeit an.

Während sich die Sommermonate mit ihren sengenden Strahlen tief in die Häuserzeilen der Stadt hinein fraßen und den Menschen in den Wohnungen kaum Luft zum Atmen gönnten, verschafften nur die Abende, in denen der Kurs stattfand, ein wenig Kühlung.

Alles war neu, alles war anders, alles war interessant. Neue Menschen, eine neue Atmosphäre, sehr unterpschiedlich zu der in der Schule herrschten im Seminar, das mich auf das zukünftige Berufsleben vorbereiten sollte.

In der ersten Hälfte des September war der Kurs beendet und die Teilnehmer mussten nun sehen, wie und was sie mit dem ihnen im Eilzugstempo vermittelten Wissen anfangen und wie sie es verwerten konnten.

Man wünschte sich nach diesem gemeinsamen Lehrgang gegenseitig Glück für die Zukunft – den Beruf.

Auf dem Heimweg fiel mir das Gespräch mit Miriam vor ein paar Wochen ein und ich fragte mich wieder, ob es wirklich die Religion sei, die Christen und Juden schied…nein, überlegte ich, diesmal verfolgten der „Führer“, der sich mit „Heil Hitler“ grüßen ließ und seine Genossen, andere Ziele. Was steckte eigentlich hinter der Fassade des redseligen braunen Mannes? Was war das für ein Mensch? Von Gott sprach er nie, immer nur von der „Vorsehung.“

Immerhin es zeigten sich auch positive Aspekte… es herrschte Ordnung, gab weniger Arbeitslose, es tat sich etwas…

Vom raschen Treppensteigen, etwas atemlos, zu Hause angekommen, schüttelte ich alle tiefgründigen Gedanken wie ein lästiges Insekt ab, legte meinen Eltern das Zeugnis über den abgeschlossenen Kurs vor und blickte voll

Zuversicht dem Start ins Berufsleben entgegen.

Der wurde dann allerdings bald zu einer ersten, herben Enttäuschung.

Der Sommer hatte in den Herbst hinüber gewechselt, das neue Schuljahr, von dem ich mich so schnöde davongeschlichen, begonnen, da fand ich prompt auf meine Bewerbung eine Stelle in einem Rechtsanwaltbüro.

Der Bezirk Döbling, in dem ich meine ersten beruflichen Sporen zu verdienen hoffte, lag nicht weit von meinem Wohnort entfernt und war zu Fuß zu bewältigen.

Ich wurde sofort mit einem Monat Probezeit eingestellt. In der Kanzlei des Anwalts, die im Erdgeschoß eines 3-stöckigen Hauses lag, empfing mich eine ältere, große und schlanke Dame, neben der ich mir wie ein Zwerg vorkam. Sie lächelte mich prüfend an und führte mich sogleich zu dem Platz, an dem ich künftig zu arbeiten hatte. Er bestand lediglich aus einem kleinen Tischchen, auf dem eine ausgemergelte Schreibmaschine mit plumpen schwarzen Tasten dahindöste, die sicherlich aus den Anfängen der Schreibmaschinen-Ära stammte.

Der Raum um dieses Antiquar war klein und voll gestopft mit ausgebleichten Möbeln – ebenfalls Relikte aus grauer Vorzeit. Auf dem großen Schreibtisch neben meinem Mini-Exemplar stapelten sich Stöße von Papier und die Wände waren bis zur Decke mit Regalen gespickt, aus denen die dort aufgehäuften Akten, jeden Moment abzustürzen drohten.

Durch das Fenster drang nur widerwillig Licht in diese staubige Atmosphäre, in der ich nun meine Tage verbringen würde. Ein klein wenig wehmütig dachte ich in diesem Moment an die Schule, die gerade begonnen hatte… energisch schob ich den Gedanken an sie beiseite… es gab kein zurück!

Die Kanzlei bestand außer dem Chef nur aus jener Sekretärin, unter deren Obhut ich als Dritte im Bunde das ehrwürdige Büro vervollständigen sollte.

Der Anwalt, ein Herr mit schütterem, grauen Haar und einer von einem dünnen Eisengestell umrahmten Brille, der nicht ganz an die Größe seines Faktotums heran reichte, blickte freundlich, aber ein wenig zerstreut auf mich Neuankömmling. Seine Bewegungen wirkten etwas schusselig und nervös, es schienen sich vielerlei Probleme in seinem Kopf herumzutreiben. Vielleicht hoffte er im geheimen, dass mein „Neuerwerb“ außer ein wenig frischer Luft auch ein bisschen Ordnung in das Papierchaos hereinwehen könnte.

Ich dagegen fühlte mich nicht frohgemut in dem verstaubten Mief.

Die kleinen Schreibarbeiten, die man mir auftrug, entwickelten sich zu einer Kraftprobe, denn dem altertümlichen Gerät ein paar Sätze auf Papier abzuringen, kam Schwerarbeit gleich.

Die abgearbeiteten Tasten wollten nicht mehr, sie sehnten sich nach wohlverdienter Ruhe und fügten sich nur widerwillig dem Druck meiner Finger.

Aber das alles wäre ja nicht das Schlimmste gewesen…

Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, kleine Erledigungen außerhalb des Büros durchzuführen. Nicht weit entfernt gab es das Grundbuchamt des Bezirks und dahin pilgern zu müssen, empfand ich als echte Strafe Gottes.

Zwar verschaffte mir der Weg nach draußen in die schöne Welt ein wenig Atemholen; umso angstvoller aber schlug mein Herz, wenn ich das Ehrfurcht gebietende Gebäude – das zuständige Bezirksgericht – betrat.

In einem hohen, kühlen Saal, der auf der einen Seite von einer Fensterfront erleuchtet ward, breitete sich auf einem großen Pult mein Schreckgespenst aus: das Grundbuch!

Dick und fett, umschlossen von einem vergilbten Pappendeckel, an dem Schnürchen baumelten, lag es vor mir.

Geöffnet, starrten mich dann Seiten mit Unmengen von Eintragungen an, die sich in diversen Spalten kreuz und quer und absolut unleserlich mit schwarzer Tinte auf dem leicht brüchigen Papier eingefressen hatten.

Und in diesem Gewirr sollte ich für meinen Chef irgendwelche Überprüfungen vornehmen und Angaben herausklauben von Dingen, von denen ich keine Ahnung hatte.

Niemand war da, um mir auch nur das Geringste zu erklären.

Verlassen, allein stand ich auf verlorenem Posten, schrieb hastig Notizen, von denen ich vermutete, dass sie nicht stimmten und flüchtete schlechten Gewissens zurück in das mufflige Rechtsanwalt-Parterre.

Nein, beschloss ich eines Tages und verließ die Kanzlei zum Bedauern der beiden freundlichen Menschen nach knapp 4 Wochen.

Was nun…?

Von Deutschland her drängten zu dieser Zeit immer wieder Spekulanten in unser kleines Land mit der großen Vergangenheit. Ein neuer Markt und Gewinn lockten, fruchtbarer Boden tat sich auf. Das „Kind vom Donaustrand“ war nunmehr an die große Mutter Germania gekoppelt und versprach ungeahnte Möglichkeiten.

Neue Firmen sprossen aus dem Boden, wucherten üppig nach frischer Saat. Die Stadt fühlte sich umarmt und umgarnt von der gewichtigen Tatze eines mächtigen Bären, der alles, was sich ihm bot, an sich riss.

Meine Mutter war es, die mir, ihrem von den ersten beruflichen Gehversuchen, ramponierten Sprössling, helfend beisprang. Dank ihres umfangreichen Bekanntenkreises hatte sie in Erfahrung gebracht, dass eines der n eu gegründeten Unternehmen, Anfängerinnen zu billigen Preisen suchte.

So wechselte ich bald von der schummrigen Kanzlei in ein großes Etagenhaus inmitten der Stadt, das hell und freundlich den Blick auf das Treiben unten auf der Straße und die vorüber eilenden Menschen bot.

Die Neugründung nannte sich „Steuerbuchstelle für Ärzte und Zahnärzte“ und sollte diesen helfen, dass sie nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig an den Fiskus abliefern mussten. Zwar war diese Institution offenbar bisher nicht nötig gewesen, aber na ja, man wusste nicht, was in der neuen Zeit auf einen Medikus alles zukam und sorgte daher vor. Das Firmenkalkül ging auf, der Zulauf war recht akzeptabel.

Dass der erste Chef des Unternehmens nach wenigen Monaten wegen eines Vergehens plötzlich im Gefängnis verschwunden war, tat der Sache keinen Abbruch… Ersatz aus der deutschen Zentrale war sogleich zur Stelle.

An der neuen Tätigkeit fand ich rasch Gefallen, zumal mir dieses Mal eine schicke, bewundernswerte Kollegin bei der Einarbeitung zur Seite stand.

Zwar kostete die Umsetzung von stenografischen Aufzeichnungen in ein lesbares Produkt, infolge meines Schnellsiede-Kurses ohne Tiefgang, noch einige Mühe und Plage, aber den Entschluss den Schulzwang mir ihren Prüfungsängsten abgeschüttelt zu haben, empfand ich nunmehr als absolut positiv.

Bunte Lichter in den Alltag setzten zusätzlich die vielfältigen Möglichkeiten, die sich überall boten. Die Freizeitangebote überschlugen sich förmlich und ich nutzte sie ausgiebig, vor allem auf dem Gebiet der Kunst und Kultur.

Und da war ja auch noch mein Freund aus der Tanzschule, mit dem ich regelmäßig zusammentraf, Spaziergänge unternahm und der auch zu Hause als vertrauenswürdiger Anwärter auf mich, akzeptiert wurde. Er war 8 Jahre älter, als Bankangestellter in ordentlicher Position und hatte eben zu warten…denn mit knapp 17 hing der Himmel für mich noch voller Geigen und die spielten nicht nur eine mitreißende Melodie.

Ich war dem jungen Mann ehrlich zugetan, zumal er mich immer wieder mit Geschenken verwöhnte und seine Zuneigung zum Ausdruck brachte.

Das mir von meiner Mutter immer wieder eingebleute Zitat: …“bis hierher und nicht weiter…“ was ein Tabu für alles darunter Befindliche zu bedeuten hatte, konnte zwar nicht ganz eingehalten werden und pendelte somit mal als strafender, mal als verstehender Zeigefinger in meinem Gewissen hin und her.

Wie sich mir die Welt zu dieser Zeit präsentierte, empfand ich sie durchaus lebenswert und schön.

In der ersten Hälfte des Jahres 1939 nahmen die Pläne von Miriams Mutter konkrete Formen an. Miriam selbst ging weiter zur Schule, freilich ohne große Freude.

Ihr Bruder Kurt dagegen durfte nach strikter Weisung seiner Mutter, die Wohnung nicht verlassen. Zu gefährlich schien ihr nach den Vorfällen im November des vergangenen Jahres, wo die Synagogen verbrannt worden waren, dass ein junger Jude sich auf Gassen und Straßen zeigte. Nur abends, wenn es dunkel war, durfte er bei geöffnetem Fenster ein wenig frische Luft in die Lungen holen.

Er musste also auch der Erste sein, der der Heimat ade sagen konnte.

Darauf konzentrierte sich Miriams Mutter und leitete alle Schritte dafür ein. Später sollten sie und Miriam sowie die Großmama folgen. Und da sie vorausschauend dachte, wählte sie nicht ein europäisches Land – wer weiß, was da noch alles passierte – sondern die U.S.A.

Freilich dafür die Genehmigung zu erhalten, dürfte ein Vermögen kosten, das ihr zum Glück zur Verfügung stand.

Der meiner Mutter angeborene und fast unerschütterliche Optimismus, musste nach den Vorkommnissen im letzten November ebenfalls passen, sie konnte der verehrten gnädigen Frau nichts als ihre Hilfe für das große Unternehmen anbieten. Zunächst musste jedoch die alleinstehende, selbstbewusste und auch selbstgefällige Frau Informationen und Ratschläge über die notwendigen Schritte einholen, die sie nur in den Kreisen finden konnte, in denen sie sich ihr Leben lang bewegt hatte. Es dürfte ihr damit ein langwieriger und äußerst bürokratischer Weg bevorstehen. Mit eiserner Faust beherrschte das Regime sein Territorium, aus dem keiner so leicht entkam.

Obwohl auch ich der Regierung keine Sympathie entgegenbrachte, mir aber andererseits keine Gefahr drohte, blieb ich von persönlichen Sorgen verschont.

Den pompösen Aufmärschen und Paraden, den attraktiven Turn- und Sportfesten, die immer wieder einmal spektakulär, von zündenden Reden triefend vor dem begeisterten Volk abliefen, konnte ich nichts abgewinnen. Ich war weder besonders sportlich, noch als verhätscheltes Einzelkind gemeinschaftlichen Unternehmungen zugetan. Und wenn das Porträt des Führers mit der empor gestreckten Rechten in Zeitungen auftauchte, widerte mich diese Pose eher an.

Immerhin die neue Tätigkeit, die mir einen bescheidenen Lohn einbrachte, von dem ich zu Hause nichts für essen etc. abliefern musste, erfüllte mich mit Stolz und gefiel mir.

Im Sommer des Jahres 1939 erhielt ich den ersten 14-tägigen Urlaub und wollte ihn natürlich nicht zu Hause, sondern irgendwo in Österreichs Bergen verbringen.

Beeinflusst von Filmen, die in den Kinos den Leuten eine heile Welt vorgaukelten, erwählte ich als Ferienziel nichts geringeres als das „Weiße Rössel“ am Wolfgangsee im Salzkammergut. Ein Hotel, berühmt geworden als Filmkulisse für die bittersüße Liebesgeschichte um die Rösselwirtin und ihren Kellner Leopold… ein charmantes Spiel, das durch pfiffige Melodien das Publikum anlockte.

„Das Kind arbeitet, so soll es auch ihre Erholung haben“, war Mutters Reaktion auf meine romantische, etwas ausgefallene Marotte.

Ein Hotelurlaub…?! nie wäre ihr selbst so etwas in den Sinn gekommen. Viel zu teuer… Die Landpartien, die sie so manches Jahr in den Sommermonaten getätigt hatten, führten sie höchstens zu irgendeinem Bauernhof ins mehr oder weniger entfernte Umland der Stadt.

Bepackt mit ein paar Koffern und einem großen Reisekorb, verschließbar mit einem geflochtenen Deckel, waren sie dabei losgezogen.

Wochen vorher war ein solches Unternehmen vorbereitet worden und wenn der Abreisetermin nahte, ließ man die braunen Rollläden zwischen den Fenstern herunter. Normal blieben sie einen Spalt offen, damit man die Möglichkeit hatte, durch die Holzlatten zu spähen, ohne selbst gesehen zu werden.

Das Taxi, das für diese Urlaube, die fast einer Auswanderung glichen, herbeigerufen worden war, konnte nur unter großer Mühe all das Gepäck in seinem Bauch verstauen und der Fahrer sowie Vater verloren bei der Aktion dicke Schweißtropfen.

Am Bahnhof setzte sich dann der strapaziöse Transport nicht minder anstrengend fort. Am Zielort war man von einem Pferdefuhrwerk, das in seinem Anhänger genug Platz bot, vom Bauern abgeholt worden.

Ein geräumiges Zimmer, in der Küche Kochgelegenheit und das in frischer Landluft unter Kühen, Schweinen und Hühnern, das war Mutters Ideal.

Wie zu Hause richtete sie sich mit den mitgeschleppten Utensilien gemütlich ein, bezog Milch, Käse, Brot und vieles was der Mensch so zum Leben braucht, direkt vom Erzeuger und sparte so gegenüber den höheren Lebensmittelpreisen in der Stadt eine Menge Geld. Infolge dessen war die Familie noch größer bepackt durch allerlei Naturalien, mit einem finanziellen Plus nach Hause zurückgekehrt.

Nun, die Zeiten hatten sich eben geändert und so billigten meine Eltern ein wenig beunruhigt, meinen Urlaubsplan.

Ausgerüstet mit ausgiebigen Ermahnungen und ebenfalls eine Menge Gepäckstücken mit allerlei nötigen und unnötigen Dingen, begab ich mich im Juli auf meine erste Reise in besagtes Hotel, das schon viele illustre Gäste beherbergt hatte.

Eine anmutige, weiche Landschaft mit bewaldeten Höhen umschloss den silbern glänzenden See, an dessen Ufern sich die viel besungene Herberge etabliert hatte.

Trotz aller Berühmtheit erwies sich diese zauberhafte Oase, hinter der sich ein kleiner, einst sehr bedeutender Wallfahrtsort erhebt, in diesem Sommermonat als merkwürdig menschenleer.

Nur wenige Urlauber belebten den hübschen, großen Speisesaal, der einen prächtigen Blick auf See und Berge gewährte.

Was war nur los?

Steckte vielleicht in den heimlich-unheimlichen Gerüchten über einen bevorstehenden Krieg doch ein Körnchen Wahrheit?

Ich wollte diesem Schreckensgespenst keinen Glauben schenken. Zwar hatte ich nie einen erlebt, aber aus Erzählungen, eine panische Angst davor entwickelt.

Jubelnd und singend seien damals 1914 die jungen Männer freiwillig ins „Feld“ gezogen und verstümmelt oder gar nicht wiedergekehrt!

Wozu sollte ein solch´ grauenvolles Morden jetzt auch dienen? Das Sudetenland war von den Nazis als Protektorat eingeheimst, Österreich annektiert worden…was könnten sie denn sonst noch wollen?

Nein, nein wehrte ich mich gegen die gespenstischen Gedanken und widmete mich intensiv den Freuden dieser Ferien in einer mir bisher unbekannten Traumwelt.

Froh und nunmehr ohne jede Ermahnungen nützte ich die herrliche Zeit am See und schob alles Beängstigende, Störende bewusst von mir.

So war ich dann auch sehr beruhigt, als ich nach der recht ernüchternden Rückkehr aus dem „Paradies“, auf dem Weg zum Büro die fett gedruckte Ankündigung „…nie wieder Krieg gegen England“ las. Sie prangte am Titelblatt des „Völkischen Beobachters“, der führenden Zeitung Deutschlands.

Na also, alles in Ordnung! dachte ich erleichtert. Gott sei Dank! Alles nur dummes Gerede!

Leider hatte sich in meinem privaten Bereich einiges verändert. Immer häufiger führten die Treffpunkte mit meinem Freund aus der Tanzschule zu einem gestörten Verhältnis. Wir fanden keine Gesprächstoffe mehr und spazierten oft lange nebeneinander her ohne ein Wort zu wechseln. Enttäuscht kehrte ich dann nach Hause zurück. Aufgewachsen ohne Eltern, war seine Kindheit im Waisenhaus sicher nicht allzu rosig. Vielleicht war das mit eine Ursache für eine gewisse Melancholie, die seinen Charakter prägte und mich manchmal irritierte.

Wenige Wochen nach meinem Traumurlaub dröhnte eines Morgens unvermittelt eine Nachricht durch den Äther, die wie ein verhängnisvolles Omen die Bürger der Stadt aufschreckte.

Unbemerkt von der ahnungslosen Öffentlichkeit war am 1.September die Deutsche Armee in Polen einmarschiert!

Ein Präventivschlag, war die offizielle Begründung dafür.

Mein Gott, was sollte denn das bedeuten?

Hatte denn das kleine Polen irgendeinen Grund das große Deutschland zu überfallen?

Das klang doch absurd…

Sollte jetzt auch noch der polnische Nachbar mit Hitler beglückt werden? Und warum?

Alles Grübeln half nichts.

Der Parteiapparat lieferte nur die Nachrichten, die ihm in den Kram passten und die waren voll unwiderstehlichem Optimismus, sodass man direkt auf das wehrhafte Militär und seinen Führer hätte stolz sein müssen! Denn, in wenigen Tagen war das angeblich aufmüpfige Polen in die deutsche Zucht und Ordnung eingegliedert – sozusagen in einem Handstreich genommen worden.

Hintergründe und Zweck des Unternehmens blieben dabei im Dunklen.

Der Preis dafür war jedoch nach einem nicht erfüllten Ultimatum, die Kriegserklärung von Großbritannien und Frankreich an Deutschland.

Also doch Krieg!

Hatte der „Völkische Beobachter“ gelogen?

Eine neuerliche Katastrophe?

Bei Ausbruch des 1.Weltkieges sollten die Soldaten, die jubelnd in den Krieg

gezogen waren, nach 14 Tagen siegreich in die Heimat zurückgekehrt sein…daraus waren 4 fürchterliche Jahre geworden.

Standen wieder entsetzliche Zeiten bevor?

Aber nein, der diesmalige „Führer“, man mag ihn mögen oder nicht, war kein altersschwacher Franz Joseph und auch kein unfähiger Wilhelm II. Er würde, er „musste“ die Situation im Griff behalten!

Die Meldungen über den bravourösen Sieg hallten lautstark genug durchs Radio.

Unberührt von den Geschehnissen „draußen“ lief das Alltagsleben im Land unbeirrt weiter und man tröstete sich damit, dass das Trauma bald vorbei sein würde.

Wie es hieß, soll Hitler tatsächlich, nachdem Polen in kaum einem Monat „erledigt“ war, im Oktober versucht haben, eine Zustimmung zu seiner „Osterweiterung“ von Großbritannien zu erreichen.

Dann würde Deutschland nach dem Fiasko des 1.Weltkrieges wieder im Kreis der europäischen Großmächte, gleichberechtigter Partner sein.

Aber die Briten verweigerten ihm den Status quo.

In der folgenden Zeit passierte sozusagen nichts.

England schien vor einem Angriff zu zögern. Sie waren gegenüber den Deutschen zu wenig gerüstet. Provozierend genug hatte Hitler seine Kampfkraft bei Paraden zur Schau gestellt.

Jedenfalls blieben sie mit einem Expeditionscorps gemeinsam mit den Franzosen hinter der Maginot-Linie.

Wer war denn wirklich schuld an diesem Krieg? Vielleicht doch die anderen?

Da die feuchten und düsteren Novembertage ohne besondere Vorkommnisse verliefen, spross zögernd wieder Freude auf das bevorstehende Weihnachtsfest und Hoffnung auf einen baldigen Frieden empor.

Damit gewann auch der Advent, die Zeit der Erwartung angenehme Perspektiven und jede neu entzündete Kerze am kunstvoll geflochtenen Kranz, weckte Zuversicht.

Für mich war inzwischen das Büro fast zur zweiten Heimat geworden. Gewaltig vergrößert hatte sich diese neu gegründete Steuerbuchstelle, sodass nunmehr ein Team von 12 Angestellten die anfallenden Arbeiten bewältigten.

Drei gleichaltrige Mädchen hatten sich als Kolleginnen zu mir gesellt und oft genoss man auch gemeinsam die Freizeit.

Manchmal fanden auch kleine Feste im Bürobereich statt, wie gerade jetzt kurz vor Weihnachten eine stimmungsvolle Adventsfeier.

Dazu wurde in den sonst so nüchternen Büroräumen eine lange Tafel aufgebaut, in deren Mitte ein mit brennenden Kerzen geschmückter Kranz, erhöht auf einem Ständer den Tisch überstrahlte. Silbern schimmernde Bänder spannten sich von ihm zu den einzelnen Sitzplätzen und kleine Köstlichkeiten und Getränke waren hübsch dekoriert für jeden Teilnehmer vorbereitet.

An der gegenüber liegenden Wand hingen gebündelte Tannenzweige, die ein Foto des Führers umrahmten. Zwei rote Papierfähnchen mit schwarzem Hakenkreuz im weißen Feld flankierten, schräg gesteckt, das Konterfei.

Mein Platz befand sich genau gegenüber diesem Portrait. Ich rümpfte ein wenig die Nase angesichts des ungeliebten vis a vis. „Personenkult“ ging es mir verächtlich durch den Kopf –wie einst zu Kaisers Zeiten auch.

Weder die beiden Chefs, die nunmehr das Unternehmen führten, noch die Mannschaft schien besonders am Nationalsozialismus interessiert oder sich für ihn besonders zu arrangieren. Aber die Geschäfte liefen gut, die Zeiten waren stabil, also zollte man dem Akteur des goldenen Zeitalters halt seinen Respekt.

Es wurde ein unbeschwerter, heiterer Abend mit viel Gelächter, Witzeleien und auch Weihnachtsliedern im Schein der Kerzen, deren Flammen anheimelnd sanft und weich den Raum erfüllten.

Wenige Tage später, am 24.12. erschien wie stets zu diesem Anlass am Vormittag, Miriam bei uns, um am Ritual des Weihnachtsbaum-Aufputzen teilzunehmen.

Trotzdem diese Zeremonie nichts mit ihrer Religion zu tun hatte, liebte sie diesen Brauch. Fleißig half sie mir Bonbons in bunte, beidseitig mit Fransen geschnittene dünne Papiere zu wickeln, die versteckt im Tannengrün auf schleckige Mäuler warteten.

„Weißt Du, dass es wahrscheinlich das letzte Weihnachten für uns sein wird“, schaute sie seufzend zu mir. Ich hörte mit der Arbeit auf und setzte mich neben sie. „Ich werde es nie vergessen…“ ein paar Tränen stahlen sich aus ihren Augen und kullerten langsam die Wangen hinunter.

„Reizt Dich denn nicht auch die Aussicht in einem so großen, weiten Land wie die USA, die ungeahnten Möglichkeiten, die es bietet, aufzuspüren und zu nutzen“, versuchte ich den verlockenden Aspekt einer so schwerwiegenden Veränderung herauszustellen. Schließlich übte sich Miriam, die mit dem Beginn der Sommerferien ebenfalls die Schule endgültig verlassen hatte, in verschiedenen Berufssparten, z.B. Friseur- und Kosmetikkursen. Vor allem lernte sie Englisch und bereitete sich so auf das neue Leben vor.

„Wir werden froh sein, wenn wir dort ohne Diskriminierung überleben können, antwortete Miriam traurig. „Aber ich habe Angst vor dem fremden Erdteil…“ sie zögerte, „ doch noch mehr Angst hätte ich, wenn wir hier blieben… wir müssen gehen, aber Du kannst Dir nicht vorstellen, was es heißt ins Unbekannte zu ziehen…“

Es folgte Schweigen, dann sprang ich plötzlich auf. „Komm´“ forderte ich Miriam auf und zog sie vom Sitz hoch, drückte einen Kuss auf ihre Wange. „Du wirst sehen, dass, wenn Ihr schon gehen wollt´ oder müsst´, Dir diese Neue Welt viel Schönes und Interessantes bietet… ein großartiges Abenteuer“, schwärmte ich, „um das man Euch direkt beneiden könnte“! Ich fasste Miriam an den Schultern, versuchte sie aufzurütteln, zuversichtlich zu stimmen.

Wie stets begleitete meine Mutter am frühen Nachmittag Miriam nach Hause. Schweigend gingen sie nebeneinander her.

Aus den Fenstern der Mietshäuser drang kein Lichtschein ins Frei. Noch war es hell genug, um ohne künstliche Beleuchtung auszukommen. Aber da allgemeine Verdunkelungspflicht angesagt war, schaute man besser, beizeiten sein Zuhause zu erreichen. Es herrschte immerhin Krieg, auch wenn keine direkte Gefahr für Angriffe bestand.

Auch wir hatten zwischen unseren Innen- und Außenfenstern schwarzes Papier installiert, das in den Abendstunden heruntergelassen werden konnte, so, dass der Vorschrift entsprechend, kein Lichtschein nach außen drang.

Im heimelig, vom guten, alten Kachelofen beheizten Wohnzimmer lief dann am Abend das Weihnachtszeremoniell in üblich besinnlicher Weise ab; etwas unharmonisch verbanden sich der dunkle, andächtige Klang der Stimme des Vaters mit der erhöhten Tonlage meiner Mutter beim Begleitsong zur „Stillen, heiligen Nacht“ und verliehen ihm einen etwas schwankenden Charakter.

Den profanen Abschluss der Feier bildete dann in diesem ersten Kriegsjahr die Verteilung der Geschenke und das Festessen, das vor allem Mutter, nach den strapaziösen Vorbereitungen mit lautem Gähnen prosaisch beendete…

Kalt und frostig führte sich das Jahr 1940 ein.

Endlich erhielt Miriams Bruder, als erstes Familienmitglied, die Genehmigung zur Ausreise in die USA. Ein Jahr hatte er ausharren müssen, in dem ihm die eigene Wohnung zum Gefängnis geworden war.

Meine Mutter war gleichzeitig erleichtert, aber auch sehr betrübt, da ihr doch dieser Junge wie ein eigener Sohn ans Herz gewachsen war. Sie hatte ihn durch seine Kinderjahre begleitet und er war ihre Freude während ihrer arbeitsreichen Jahre bei seiner Familie.

Seit den Ausschreitungen im November vergangenen Jahres, wo Synagogen und Geschäfte jüdischer Bürger brannten, war es klar, dass diese Regierung Juden nicht im land haben wollte. Viele mochten diesem Trend Beifall geklatscht haben, andere nicht. Wie auch immer, das Volk musste die Richtung akzeptieren.

Nachdem der Winter seinen Kulminationspunkt überschritten hatte, mehrten sich die Anlässe, sein Ende zu feiern. Aus den heidnischen Bräuchen zur Austreibung seiner eisigen und rüpelhaften Herrschaft, hatte sich inzwischen ein vielseitiger Festkalender für Vergnügungen entwickelt, der mit attraktiven Veranstaltungen das Publikum zu Spaß und Konsum verleitete.

Im Rheinland sorgte „Prinz Karneval“ für närrische Ausgelassenheit, in der österreichischen Metropole brachten die Verkleidungen des „Fasching“ die Bewohner in Stimmung.

Überall fanden Kostümbälle statt, sogar in den ehrwürdigen Sälen der einst für gewöhnliche Sterbliche unzugänglichen Hofburg, amüsierte sich nun das Volk bei Tanz und Musik und närrischem Treiben.

Für mich brachte Ende Februar, bereits ein wenig über die kalendermäßig erlaubten ausgelassenen Feiern und schon am Beginn der von der Kirche vor dem Ostergeschehen befohlenen Fastenzeit, ein Alpenkränzchen im Etablissement der Sophiensäle, eine vom Zufall oder Schicksal inszenierte, Begegnung.

Dem gebirgigen Charakter eines Großteils Österreichs gemäß, sollte dieser Ball natürlich in entsprechender Kostümierung an die Bergwelt erinnern.

Grund genug, für uns junge Damen der Steuerbuchstelle, die hübschesten Dirndln für dieses gemeinsame Faschingsvergnügen aus dem Schrank zu holen.

Auch ich erinnerte mich dieser traditionellen Bekleidung, die in der Stadt wenig Gelegenheit zum Glänzen bot.

So zogen wir Vier, die unsere Arbeitstage teilten, los, zu fröhlicher Unterhaltung…

Es wurde eine heitere Ballnacht mit viel Tanz und Gelächter und keiner dachte daran, dass immer noch Krieg herrschte.

An diesem Abend heftete sich ein Jüngling an meine Fersen, forderte mich immer wieder zu einem Tango, Slowfox oder Walzer auf.

Zwar war es für mich nicht „Liebe auf den ersten Blick“…aber seiner Hartnäckigkeit konnte ich mich einfach nicht entziehen.

Auch dieser Winter ging vorüber, musste seinen harten Griff lockern und angenehmeren Genossen das Zepter übergeben. Der April weckte mit übermütigen Wettereskapaden abwechselnd Hoffnung und zugleich Frustration. Unversehens wurde bei diesen Turbulenzen auch die Welt wieder brutal an den Krieg erinnert.

Im bewährten Blitzverfahren zog das Phänomen Hitler mit seinen Mannen Richtung Norden und überraschte Norwegen und Dänemark mit seiner schlagkräftigen Wehrmacht – lediglich Schweden sparte er, vermutlich aus Wirtschaftsgründen – aus.

Während man daheim über diese neuerlichen bravourösen Expeditionen ausgiebig jubelte – siegen war doch so was Schönes – dürften sich die Menschen im Norden wenig über den ungebetenen Besuch gefreut haben.

Ein Mann mit seinen Helfern zwang da plötzlich freie Völker unter seine Knute!!

Und ein Land im Freudentaumel, das immerhin durch den verlorenen Krieg seiner Kaiser bestraft und gedemüdigt wurde… dadurch sein Selbstvertrauen verlor, entwickelte kaum Gefühle für jene, die nun unschuldig Opfer einer übermächtigen Expansionspolitik geworden waren.

So herrschte in Deutschland und ebenso im angegliederten Österreich eitel Wonne und Sonnenschein und man wurde immer stolzer auf diesen so erfolgreichen „Führer“.

Dass inzwischen Lebensmittelkarten ausgegeben wurden und Kleidung und Textilien nur auf Bezugscheine erhältlich waren, wurde seufzend zwar, aber immerhin akzeptiert. Scheinbar waren sie als Vorsichtsmaßnahme gedacht und die vorgegebenen Mengen reichten immerhin aus. Nicht nur auf Zucht und Ordnung verstand sich das Regime, auch auf Organisation war es spezialisiert.

Allerdings wurden auch dabei wieder die Juden deklassiert. Nicht nur das Tragen des David-Sterns als Kennzeichen und Schikane hatte man ihnen auferlegt, Berechtigungsscheine für Textilien enthielt man ihnen ebenfalls vor. Lebensmittelkarten musste man ihnen wohl oder übel zugestehen…

Natürlich wusste meine Mutter, wie ihre „gnä Frau“ an das Tragen teuerer Kleider gewohnt war und sie immer nur beste Qualität dafür wählte und fand es daher selbstverständlich, in diesem Fall hilfreich in die Bresche zu springen. Sie bot ihr sofort meine Karte für Einkäufe an. Da ich sowieso als Jüngere die hübschen, teueren Sachen von Miriam erbte, kam das heute Gegebene, morgen oder übermorgen wieder zurück.

Oft dachten wir an Menschen, die wir kannten, denen wir immer wieder einmal begegnet und die nun verschwunden waren. Wohin…?Ins Ausland…?

Die Reichen ließ man, nicht ohne sie tüchtig zu schröpfen, ziehen, aber die Anderen, die mit Fleiß und Arbeit ihren Unterhalt bestritten hatten, die schickte man womöglich als billige Arbeitskräfte in Lager…? Es gingen Gerüchte um, dass solche Konzentrationslager existieren würden.

Anhaltelager für politische Gegner gab es zwar auch in Österreich, aber nicht aus Rassismus.

Oft dachte vor allem meine Mutter an den Handwerker, der mein bildhübsches Mobiliar gezimmert hatte. Seine Werkstatt lag ziemlich dunkel im Souterrain eines der Miethäuser am Sobieski-Platz und war nun leer.

Grosses Schweigen breitete sich über all´ diese Schicksale.

Im Mai maschierte Hitler und sein Gefolge in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg ein – unter Verletzung derer Neutralität!

Damit sicherte er die Nordflanke und wieder ein paar Wochen später im Juni, holte er zum großen „Blitzschlag“ gegen Frankreich aus, siegte abermals und besetzte 3/5 des Landes.

Damit war er Herr über Europa vom Nordkap bis zur spanischen Grenze.

Beängstigend für manche… Ein genialer Streich für die Mehrheit!

Hatte ihn die von ihm so oft zitierte „Vorsehung“ tatsächlich zum „größten Feldherrn aller Zeiten“ ausersehen, als den er sich jedenfalls selbst sah?

Den Skeptikern unter den Militärs, den oppositionellen Kräften, die es immerhin auch gab, ward angesichts der grandiosen Husarenstücke der Boden unter den Füßen entzogen.

Das eigentliche Handwerk der Militärs ist nun mal der Krieg, auch wenn seine Notwendigkeit als Sicherung des Friedens getarnt wird.

Trotz des Spektakels, mit dem der „Führer“ die Welt schockierte und an dem ich wie alle anderen nichts zu ändern vermochte, nützte ich in Anbetracht der im Untergrund schwelenden Angst „wer weiß was noch alles kommt“ alle Annehmlichkeiten der Gegenwart.

Sportarten wie Tennis und Reiten, letzteres war früher nur den oberen Zehntausend vorbehalten, standen nun dem „gemeinen“ Volk zur Verfügung. Und ich nutzte sie.

Die Verbindung mit dem Mann aus der Tanzschule war endgültig geplatzt…

Ich war diesbezüglich „frei“, obwohl bei Trennungen, aus welchen Gründen auch immer, schmerzliche Enttäuschungen nicht ausbleiben. In diesem Fall belasteten Schuldgefühle mich, da der Treuebruch auf mein Konto ging.

Oftmals traf ich mich nun mit dem knapp drei Jahre älteren Tanzpartner aus der Ballnacht in den Sophiensälen, der den höchst unromantischen Namen „Franz“ trug.

Meine Mutter hatte Vertrauen und gewährte mir große Freiheiten bezüglich Zeit und Art meiner Freizeitgestaltung, die allerdings mit deftigen Mahnungen gewürzt waren.

„Du kannst Dich unterhalten mit wem und wie lange Du willst“, hieß es da immer nach alt bewährtem Muster, „aber bis daher und nicht weiter“, wobei eine Handbewegung die Grenze symbolisierte.

Brav und ohne Kommentar nickte ich folgsam.

Damit war die Standpauke jedoch nicht zu Ende.

„…und wenn Du mir eine Schand´ machst“, hieß es weiter, „dann…“ die Hand wackelte beängstigend, „dann spring´ ich beim Fenster hinunter!“

Immer wieder, obwohl so oft gehört, zuckte ich erschrocken zusammen. Wenn ich an das Fenster hier im 4.Stock, das in eine abgründige Tiefe, geradezu in die Hölle wies, nur dachte, stockte mir der Atem und in Gedanken sah ich schon den Körper der geliebten Mutter in dieses finstere Teufelsloch absacken und da unten mit dumpfen Knall, zersplittert ankommen.

„Nein, nein…“ stammelte ich dann voller Entsetzen und intensiv guter Vorsätze… jedes Mal von Neuem, ehe die Freude an der Freiheit die Oberhand gewann.

Aufgehört hatten leider die Vergnügungen mit Miriam und deren Freunden. Und auch da wieder die bange Frage, wo waren diese geblieben?

Selbst Miriam wusste oft nichts über ihren Verbleib.

An einem heißen Juli-Nachmittag, kurz bevor ich meinen diesjährigen Urlaub antrat – ich hatte dafür das Seebad Velden am Wörthersee ausgewählt – bummelte ich mit Miriam durch die Straßen der fast menschenleeren Stadt.

In knapp einer halben Stunde erreichten wir zu Fuß das Zentrum, nahmen den Weg über die Ringstraße, vorbei am neugotischen Rathaus, dem Parlament, für das die Antike Pate stand, dem Burgtheater und der berühmten Oper, in der die Starsänger der Welt Triumphe feierten, wir die Kärntnerstraße.

Mit ihren exklusiven Geschäften war sie stets eine bevorzugte Domäne für Miriams Mutter.

Obwohl der Termin ihrer Abreise noch nicht feststand, bereiteten sie alles dafür vor und Miriam wollte sich noch Anregungen für eventuell notwendige Einkäufe holen.

Am Stefansplatz, dem klerikalen Zentrum der Stadt mit vielen Devotionaliengeschäften, schlug ich eine Kaffeepause vor, denn die Wärme und das von ihr aufgeheizte Straßenpflaster, hatten müde gemacht.

Miriam lehnte ab, zeigte auf den gelben Stern an ihrer Kleidung, also trotteten wir weiter über den Graben mit der barocken Säule im Mittelpunkt, die an die schrecklichen Zeiten der Pest im Mittelalter erinnerte, zum Schottenring.

Statt jedoch von hier den Heimweg anzutreten, schwenkten wir abwärts in Richtung Donaukanal, um im Stadtpark unseren strapazierten Füßen eine Erholung zu gönnen.

Es war der Vorschlag Miriams, die beim Schaufensterbummel, der nicht sehr ergiebig war, ebenfalls müde geworden war.

Aber auch hier vermied sie das luxuriöse Cafe nahe des Denkmals von Johann Strauss, das Miriam so oft mit ihrer Mutter oder Freunden aufgesucht hatte und das ihr nun wie aus einer anderen Welt erschien.

Wir wählten eine schattige Bank unweit dieses Wahrzeichens beschwingter Lebensfreude, das die Majestät des Dreivierteltakts mit der Geige unter dem Kinn, lächelnd, unter einem marmornen Triumphbogen, porträtierte.

Gepflegte Blumenrabatten schmückten dieses Kleinod inmitten des Häusergewirrs der Großstadt. An besonders attraktiven Stellen, wie vor dem künstlich angelegten Teich mit Enten und Vögeln, vermieteten geschäftstüchtige Händler für geringen Obolus, aneinander gekettete braune Stühle zwecks besonders hübscher Beobachtungsmöglichkeit der Tiere.

Miriam fühlte sich indessen ein wenig abseits am wohlsten und lehnte sich aufatmend auf der Bank zurück.

Eine Weile herrschte Schweigen, jeder hing den eigenen Gedanken nach.

„Weißt Du“, Knüpfte Miriam nach einer Weile ein Gespräch an. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hitler diesen Krieg verliert“, sie zögerte…“ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass er ihn gewinnt!“

„Ich weiß auch nicht, wie das noch enden soll“, entgegnete ich. „Da will er angeblich den Krieg schnell beenden und fällt so mir nichts Dir nichts in den halben Kontinent ein. Ist das nicht Wahnsinn“?

Nachdenklich beobachtete ich einen schwarzen Käfer, der sich auf den Kieselsteinen zu meinen Füßen, mühsam über die für seine Größe überdimensionalen harten, steinernen Berge hinweg bewegte.

„Liegen Kriege der Menschheit vielleicht im Blut? Ist Frieden etwas, zu dem sie erst erzogen oder sogar gezwungen werden müssen?“ philosophierte ich und schaute Miriam fragend an. „Was aus diesem Hitler und seinen Ideen werden wird, steht jedenfalls vorläufig noch in den Sternen. Aber das, was momentan geschieht, ist gleichzeitig faszinierend und beängstigend!

Schau´ Dir doch alle die Eroberer der Weltgeschichte an…Alexander, Cäsar, Tschingis Khan, Napoleon und wie sie alle heißen!

Blut klebt an ihren Namen. Sie wollten ihrem Volk zu Ahnsehen verhelfen, in Wahrheit hatten sie aber stets nur den eigenen Ruhm im Auge, verschlissen und verschlangen nicht nur die Feinde, sondern auch die eigenen Leute“!

Miriam nickte beifällig.

„Und trotzdem wurden und werden sie bis heute mit dem Prädikat „der Große“ bedacht und als solche bewundert und mit Denkmälern gewürdigt!“

„Gäbe es keine Eroberer, wäre dann mehr Frieden auf Erden?“ wieder blickte ich auf den kleinen Käfer, der – welch´ bergsteigerische Leistung – fast 15 cm über die Kieseln voran gekommen war. Ich hob ein Ästchen vom Boden und spornte damit das winzige Tier zu größerer Geschwindigkeit an.

Die Hitze des Tages war verklungen, ein lauer Wind wehte durch die Bäume des Parks. Gärtner mit langen Schläuchen berieselten die Blumenrabatte mit erfrischendem Nass, während Miriam und ich auf den Heimweg machten.

Als wir die geschäftige Straße, an denen die rot lackierten Straßenbahnen quietschend vorbeiratterten, passierten, machten sich die Ladenbesitzer bereits daran ihr Eigentum mit Rollläden zu sichern und die Türen abzusperren.

Wenige Tage nach diesem Gespräch mit Miriam, das keinerlei Perspektiven für die Zukunft anbot, trat ich meine diesjährige Urlaubsreise an. Diesmal hatte ich mich in einem preiswerten Privatzimmer einquartiert und angesichts der herrlichen, intakten Bergwelt, verflogen alle bedrückenden Gedanken und Zuversicht, Hoffnung keimten wieder auf.

Nach der langen Bahnfahrt am Tag davor – es war bereits dunkel, als ich mein Quartier am Zielort erreich hatte – begrüßte mich ein strahlender Morgen. Die Sonne schickte Wärme und Licht in das kleine, hübsch eingerichtete Zimmer, in dem noch unausgepackt in einer Ecke, mein Koffer stand.

Das Haus lag erhöht, ich öffnete das Fenster, streckte mich genüsslich und atmete tief die milde Luft ein. Welche Wonne… In hellem Blau schimmerte der See, umrahmt von etwas dunstigen Höhen und Tälern. Ein Panorama voll anmutiger Lieblichkeit.

Ich beschloss, gleich nach dem Frühstück ausgiebig im See zu schwimmen, Wasser war mein Element und mich darin zu bewegen jedes Mal ein Vergnügen.

Nur in Schwimmbädern konnte man ihm Zu Hause frönen. Ein Hallenbad war es, wo ich die ersten „Gehversuche“ im Wasser erlernte und in dem auch meine Mutter die eigene bäuerliche Jugend im Nachhinein aufzubessern versuchte. Durch mich und mit mir versuchte sie auch bei anderen Sportarten wie „Eislaufen“ spät aber doch noch einiges von den positiven Seiten des Lebens mitzukriegen. Trotzdem waren die Haltestangen des Bassins zu fassen, stets eigentliches Ziel.

Als ich gerade die Morgenluft schnupperte und Pläne für diesen ersten Ferientag schmiedete, klopfte es plötzlich an der Tür.

Ich erschrak…Wer konnte das sein? Wer wollte etwas von mir?

Zögernd öffnete ich einen Spalt… und vor mir stand Franz, mein neuer Freund. Er war mir mit dem Nachtzug nachgereist, wollte nicht 14 Tage lang auf meine Gesellschaft verzichten und hatte sich bereits im gleichen Haus eingemietet. Wenigstens eine Woche wollte er mit mir hier am See verbringen.

Natürlich war ich sehr beeindruckt von seiner Zuneigung, zumal er seit einiger Zeit auch auf mich eine immer größere Anziehung ausübte.

Gut sah er aus, wie er da ein wenig übernächtigt im Stadtanzug vor mir stand, während ich gerade aus dem Bett gekrochen, im Nachthemd war, da der Morgenrock noch im Koffer schlummerte.

Etwas verlegen wirkte er schon und ich nicht minder, fuhr mir automatisch mit den Fingern infolge meiner unattraktiven Erscheinung durchs unfrisierte Haar… bis schließlich die Sprachlosigkeit, die beiderseitige Beklommenheit, sich in fröhlichem Gelächter auflöste.

Sofort waren wir uns darin einig, uns ein paar wunderschöne, gemeinsame Tage in dieser herrlichen Gegend zu bescheren.

Franz hatte seine Matura glücklich hinter sich und grübelte immer noch über seine künftigen beruflichen Pläne nach. Zurzeit arbeitete er im kleinen Betrieb seines Vaters – einer Eisenwarenhandlung – und verdiente da recht ordentliches Geld, sodass er sich sehr wohl den einwöchigen Urlaub mit mir leisten konnte.

Warum ihn sein Vater so gut entlohnte, hatte allerdings einen guten Grund: Als einzigen Sohn war er bemüht, ihn gerade jetzt an sich zu binden, da seine langjährige Ehe durch eine junge, attraktive Nebenbuhlerin auseinander zu brechen drohte.

Meine und seine Mutter hatten inzwischen Kontakt miteinander aufgenommen, beide wollten doch wissen, mit wem sich ihre einzigen Kinder herumtrieben.

Und in meiner Mutter, hatte seine Mutter eine gute Trösterin gefunden, die ihr Mut zusprach und ihr diese schicksalhafte, schwere Zeit zu erleichtern versuchte.

Die Tage vergingen für mich und Franz wie im Traum. Wir schwammen zusammen im von sanften Wellen gekräuselten See weit hinaus, ich fühlte mich glücklich und dachte, welches Wonnegefühl es sein müsste, einmal im Meer zu schwimmen. Aber damit würde man wohl warten müssen, bis der unselige Krieg ein Ende hatte.

Franz stand der neuen Regierung weder sonderlich positiv, aber auch nicht negativ gegenüber. Zwar machte er sich Gedanken über deren Methoden und Ziele, doch seit wir uns kannten, trat die Politik für ihn immer mehr in den Hintergrund. Auch er musste jedoch zugeben, dass sich, abgesehen vom Krieg die Zeiten für Viele gebessert hatten. Man konnte sich etwas leisten, man konnte überall dabei sein. Irgendwelchen Jugendorganisationen beizutreten, weigerte er sich ebenso wie ich. Momentan zählte für uns sowieso nur die eigene Sphäre.

Am Nachmittag vor der Rückreise von Franz, saßen wir, schon etwas vom Abschied gepeinigt, in einem kleinen Restaurant am See. Das Weinlaub, das den Garten romantisch überwucherte, trug bereits Fruchttriebe in Form von winzigen Beeren. Die Sonne sprenkelte ein hell-dunkles Abbild er Blätter auf den Tisch, das immer neue Muster fabrizierte. Vom See tönte das Glucksen der Wellen als monotone Musik zu uns herauf und der Wein in den Gläsern leuchtete in einem satten Goldton.

„Sofort, wenn Du zurückkommst, werden wir die kleine Feier veranstalten,“ bestimmte Franz, „unsere Mütter haben bestimmt nichts dagegen und ich werde mich um die Ringe kümmern; er nahm meine linke Hand und befühlte meinen vorletzten Finger, um sich ein Bild von dessen Stärke zu machen.

„Verlobung“, hatten wir während der Zeit unseres täglichen Beisammenseins beschlossen. Bindung für ein ganzes Leben…zärtlich drückte er einen Kuß auf meinen Handrücken.

„Wir werden lange auf die Heirat warten müssen“, seufzte ich. „Es ist Krieg und Du wirst eines Tages zum Militär eingezogen werden.“

„Ich habe mich entschlossen Medizin zu studieren, da werde ich vorerst zurückgestellt“, beschwichtigte Franz.

„Aber wir werden doch kirchlich heiraten, auch wenn es die Regierung nicht gerne sieht?“ erkundigte ich mich.

„Natürlich“, beruhigte er mich.

„Gehst Du überhaupt in die Kirche und wie oft?“ wollte ich wissen, da mir plötzlich einfiel, dass ich sehr wenig über die diesbezügliche Einstellung meines `Verlobten` wusste.

„Zu Feiertagen schon. Ich glaube auch, dass es einen Gott gibt, aber die Institution der Kirche behagt mir in Fällen überhaupt nicht“, entzog sich Franz dem heiklen Thema.

„Siehst Du, mir auch nicht“, beeilte ich mich zu bestätigen. „Und weißt Du, was mich an dieser Organisation am meisten stört? Es ist eine ausschließliche Männergesellschaft, die die Regeln bestimmt! Als gäbe es gar keine Frauen auf dieser Welt, sondern bestenfalls Dienerinnen des Mannes!“

„Nanu…“ wunderte sich Franz über die Ansichten seiner gerade erst versprochenen Verlobten.

„Ja…“ ereiferte ich mich, „so ist es doch.

Am Anfang, vor Urzeiten, da war Gott eine Göttin und sie wurde verehrt. Aber seit die Männer die Herrschaft an sich gerissen haben, laufen die Frauen nur noch als fünftes, strapaziertes Rad am Wagen der Gesellschaft hinterher und ganz besonders der kirchlichen Hierarchie. Zweite oder gar dritte Garnitur und höchstens halbe Menschen.

Franz stockte der Atem Um Himmelswillen, mit welcher Person hatte er sich denn da eingelassen. Aber gerade in ihrem Engagement reizte ihn dieses Wesen.

„Komm` hör auf…“ wurde er energisch. „Nicht nur unsere Kirche hat Schwierigkeiten mit Eueren Undurchschaubarkeiten. Den anderen Religionen bleibt Ihr auch ein ungelöstes Rätsel.“

„Ich weiß, ich weiß“, hakte ich sofort aggressiv ein. „Sogar der toleranteste Religionsmissionar, Buddha, hatte seine Problemchen mit dem weiblichen Geschlecht. Nicht nur, dass er seine eigene Frau samt Kind bei Nacht und Nebel verlassen hat, kostete es ihm die größte Überwindung einen Nonnenorden zuzulassen und das Skandalöseste ist die Aussage, dass Frauen nur dann das ihm nach der Erleuchtung widerfahrene Nirwana erreichen können, wenn sie davor als Mann wiedergeboren wären worden…Ist das nicht empörend!“

Jetzt musste Franz doch herzlich lachen. „Das sind doch irrwitzige, längst überholte Ideen! Und warum lasst ihr Euch dann immer wieder mit uns Männern ein?“ fragte er schmunzelnd.

„Hm…überlegte ich einen Augenblick. „Weil sonst die Leut` aussterben und die Welt menschenleer sein würde…“ gab ich klein bei. „Und diese Erde ist doch so schön!“

„Vielleicht wäre sie es ohne Menschen noch viel mehr“, bemerkte Franz leichthin.

„Zumindest gäbe es dann keine Kriege…“ war meine Meinung, „denn die werden von Euch Männern in Szene gesetzt!“

„Und von Euch Frauen ausgiebig beklatscht! Und außerdem meine Liebe, wäre die Erde auch ohne die Menschen ein Kampfplatz und Schlachtfeld, denn alle Tiere, angefangen vom winzigsten Wurm, sind ebenfalls nur auf eigenen Nutzen ausgerichtet und dafür von der Natur mit effektiven Werkzeugen und Waffen ausgestattet. Und zwar so ausgeklügelte, wie wir sie erst Dank unseres Gehirns erfinden mussten.“

„Aha,“ konnte ich mich nicht geschlagen geben …“ und dank dessen unermüdlichen Einsatzes, sind wir zum brutalsten Individuum auf diesem Planeten mutiert. Ein Dilemma… wie kann man bloß klar kommen mit diesem Schlamassel“? stöhnte ich und rückte trotz allen Unmuts über die verruchte Männerwelt, näher an ihn heran.

Der Wein in unseren Gläsern ging langsam zur Neige. Auch die Sonne strebte in westlicher Richtung dem Untergang zu.

„Aber beherrschen lassen, werde ich mich nie…“ setzte ich eine letzte Pointe unter das seltsame Verlobungsgespräch.

„Brauchst Du auch nicht…“ versicherte Franz und Arm in Arm schlenderten wir an diesem letzten gemeinsamen Urlaubsabend am dunkler werdenden See entlang.

Meine Mutter atmete jedes Mal auf, wenn ihr „Kind“ gut erholt und wohlbehalten an den heimatlichen Herd zurückkehrte. Zwar konnte sie meine Reiseambitionen, den Wunsch die Welt kennen zu lernen, überhaupt nicht verstehen, musste ihn aber dulden.

Die unerwartete Nachricht von der Verlobung traf sie allerdings recht überraschend. Immerhin besser ein ständiger Freund, zumal der einen guten Eindruck erweckte, als mal mit Diesem, mal mit Jenem sich vergnügen, dachte sie. Natürlich hätte sie sich für ihr Kind eine bessere Partie gewünscht, aber wenn Franz einmal Arzt sein würde, konnte er ihr auch ein schönes Leben bieten. Außerdem würde bis zur Hochzeit noch viel Wasser die Donau hinunter fließen.

Und dann war ja da auch noch die Mutter von Franz, die sie lieb gewonnen hatte. An der vom Schicksal hart Getroffenen, konnte sie so recht ihr angeborenes Tröster- und Helfersyndrom zum Einsatz bringen.

Natürlich hatten wir beide nicht das geringste Interesse an den Problemen der Alten. Wir waren jung und wollten trotz Krieg Anteil an den positiven Seiten der neuen Zeit haben.

Da der Vater von Karl dem Sohn mit Geld die eigene Untreue und Leidenschaft zu einer Jüngeren entgalt, genossen wir, nunmehr offiziell Verlobte, recht sorglos die Tage und vor allem Abende…amüsierten uns in den Etablissements der immer noch äußerst attraktiven Stadt und vergaßen gern und leicht das Kampfgeschehen, das da irgendwo draußen stattfand.

Zwar tobte es momentan nicht so heftig, denn Europa war ja bereits so gut wie erobert… bis auf dieses zähe, hartnäckige Großbritannien – das Hitler ja gar nicht haben wollte – lief alles wie am Schnürchen.

Die sollten da drüben auf ihrer Insel Ruhe geben und wenn nicht anders, musste man sie dazu zwingen. Er, Hitler, war schließlich der mächtigste Mann auf dem Kontinent und das wollte und würde er bleiben.

London weigerte sich beharrlich, den erfolgreichen Emporkömmling zu akzeptieren uns ließ sich keinen Frieden abhandeln oder aufdrängen.

Die Folge waren pausenlose Bombardierungen der britischen Hauptstadt mit zielsicheren V – Waffen seitens der Deutschen.

Und man glaubte dem Führer… Großbritannien war schuld, dass der Krieg noch kein Ende gefunden hatte.

So ging das Kriegsjahr 1940 zwar siegreich für Deutschland, aber ohne sichtbare Lösung zu Ende.

Churchill war neuer Außenminister und Premier Englands geworden und seine Parole lautete: „Durchhalten“! Er war der Motor des erbitterten Widerstandes gegen Hitler.

Bevor die schweren Winterstürme einsetzten, war für die Familie von Miriam die Genehmigung zur Ausreise in die USA ergangen. Alles bewegliche Inventar war bereits in einem Lift verpackt und zur Verschiffung vorbereitet worden.

Papiere über noch vorhandene Besitztümer und Wertsachen in der Heimat wurden zur Aufbewahrung meiner Mutter übergeben.

Eine Tante von Miriam, die, bei der ich einmal zu einer Party für Jugendliche eingeladen war, hatte bereits ihre herrliche Villa verlassen und in Schanghai Zuflucht gesucht.

Wem ausreichend Geld zur Verfügung stand, der konnte diesem veränderten Deutschland entfliehen.

Meine Mutter begleitete die gnä´ Frau, Miriam und die gnädige Frau Großmama zum Bahnhof, wo die erste Etappe ihrer großen, unfreiwilligen Reise begann.

Ich hatte mich bereits am Abend davor von Miriam verabschiedet.

Würden wir uns je wiedersehen?

Nach den massiven Bombardements durch Hitlers Wunderwaffen, die die sturen Briten auch nicht zur Vernunft bringen konnten, hagelten zu Anfang des Jahres 1941 zerstörerische Bomben der Feinde auf deutsche Städte, besonders die Reichshauptstadt Berlin, nieder.

Zwangsweise verordnete der Winter eine gewisse Ruhepause für Unternehmungen am Boden, da ließ sich die Luft besser für militärische Zwecke missbrauchen.

Um die USA vom europäischen Kriegsschauplatz fernzuhalten, hatte sich Hitler mit Japan und Italien verbündet und sich zu gegenseitiger Hilfe, mit letzterem, verpflichtet.

Für Italien hegte Hitler ohnehin besondere Sympathie, da dort ein Mann herrschte, dessen Ziele und Bestrebungen den seinen, sehr ähnlich waren.

So beschloss er, der sonst mit blitzartigen Einmärschen in fremde Gebiete nicht zimperlich umging, das, nach dem ersten Weltkrieg Italien zugesprochene Südtirol dem Duce sozusagen als Freundschaftsgeschenk zu belassen. Ja, er förderte sogar die Rückführung von Südtirolern nach Nordtirol, damit in der Region mehr italienische Bevölkerung heimisch werden konnte.

Ein „Schildbürgerstreich“, eine „Watschen“ für manches österreichische Herz, das das Blut in Wallung brachte und die Stirn anschwellen ließ.

Im ausklingenden Februar 1941 verabschiedete sich der Winter mit heftigen Stürmen. In den Parks ächtzten die kahlen Äste der Bäume unter dem Inferno. Durch Gassen und Straßen der Stadt fegte er mit eiserner Faust hindurch, verfing sich in Schlupflöchern, heulte dabei gebieterisch auf.

Vermummt mit Wollschals und Pudelmützen strebten die Menschen ihren Arbeitsplätzen zu. Windgepeitscht flüchteten sie aufatmend und Schutz suchend in ihre Gebäudetrakte…

An solch´ einem Vormittag erhielt meine Mutter einen Brief, der einen sehr weiten Weg zurückgelegt hatte; aus einer neuen, unbekannten in eine alte, sehr bekannte Welt.

Gott sei Dank, die ganze Familie war gut da drüben angekommen und schien dank irgendwelcher Hilfe ein brauchbares Dach über dem Kopf gefunden zu haben.

Aber leicht wurde ihnen das Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten offenbar nicht gemacht. Mit harter Arbeit mussten sie den Preis für Freiheit zahlen.

Miriam hatte eine Tätigkeit in einem Friseursalon gefunden, ihre Mutter verdiente in einem fensterlosen Raum einer großen Fabrik an einer Nähmaschine den Lebensunterhalt.

Nein, das passte so gar nicht zu dieser schönen, eleganten Frau mit der wundervollen Stimme… seufzte Mutter.

Wie andächtig hatte sie doch als junges Mädchen in ihrer Kammer gelauscht, wenn die gnä´ Frau im Freundeskreis Lieder vortrug. Sie hatte die Tür zum Flur geöffnet, um den melodischen Gesang aus dem Salon deutlicher zu vernehmen. Und sie dachte daran, wie alles angefangen hatte damals, als sie entmutigt von den voraus gegangenen Enttäuschungen, dieser schlanken Dame als rettenden Engel begegnet war. Sie hatte ihr, die vom Land in die Großstadt kam, ein Heim geboten, in dem sie frei und selbstständig ihre häuslichen Fähigkeiten aufbauen und entfalten konnte.

Stets hatte sie alles das an dieser Frau bewundert, was ihr nicht in die Wiege gelegt worden war: Schönheit, Bildung, Reichtum, eben die Voraussetzungen, die ein Leben in höheren Sphären ermöglichten. Ihr würde es nicht gelingen, ihrem bescheidenen Milieu zu entfliehen, umso mehr trachtete die daher, mir, ihrem „Kind“ den Start in eine angenehmere Daseinsform zu ermöglichen.

Inzwischen verlief die Weltgeschichte ohne Rücksicht auf private Hoffnungen und Wünsche und völlig ungewiss…

Was waren Hitlers weitere Pläne, außer denen, die Macht der Juden zu brechen und jeden potentiellen Gegner von vornherein auszuschalten? Das deutsche Volk, diese Edelrasse, musste endlich zu seinem Recht und Raum kommen!

Als unvorhergesehener Rivale hatte sich inzwischen die ebenfalls auf Expansion erpichte Sowjetunion erwiesen. Also musste auch die im Blitzverfahren erledigt werden. Sie schien also sein nächstes Ziel zu sein.

Aber gerade jetzt – was für ein Jammer – erlitt Italien bei den Angriffen auf Ägypten und Griechenland, schwere Rückschläge.

Hitler musste also laut Freundschaftspakt zuerst dieser, seiner stillen Liebe, zu Hilfe eilen… Das bedeutete, dass er in bewährter Eiltempo-Strategie in Jugoslawien und Griechenland einmarschierte. Dank seines gewaltigen Militär-Potentials an Menschen und Waffen, gerieten nach wenigen Wochen auch diese Länder, trotz englischen Beistands, in deutsche und italienische Hände.

Blieb noch die seit eh und je störrische Insel Kreta1!

Für Sie wagte er ein halsbrecherisches Unternehmen aus der Luft.

Mit Fallschirmspringern überrumpelte er sie nach heftigen Kämpfen, trotz der dort stationierten mehrfach überlegenen Kontingente englischer Bodentruppen.

Wie konnte das glücken?

Dass die vom Himmel gefallenen Soldaten keine andere Chance hatten als verbissen zu kämpfen oder zu sterben, mag ein Grund für den Erfolg gewesen sein.

Dass dabei rd. 5000 deutsche Männer ihr Leben verloren, das focht den „Führer“ scheinbar nicht an. Sieg um jeden Preis lautete die Parole und die deutschen Frauen würden schon für Nachschub sorgen.

Im Mai, wo endlich die Natur mit Blüten und Blumen ihren bezaubernden Einzug auch in nördlicheren Breiten hielt, war auch im mediterranen Südosten das Manöver beendet. Jugoslawien, Griechenland samt den Inseln waren zu besetzten Gebieten geworden.

In diesen wonnezeitlichen Wochen brachte ich zufällig in Erfahrung, dass für einen bestimmten Zeitraum auf Antrag, Sommer-Urlaubsreisen nach Italien Gestattet sein würden.

Da ich selber tagsüber keine Möglichkeit dazu hatte, wurde mein Vater aktiviert, mir eine solche Reisegenehmigung zu beschaffen. Er konnte meinen Bitten nicht widerstehen und spazierte so lange zum zuständigen Reisebüro, bis er mir tatsächlich eine 14-tägige Erlaubnis für einen Urlaub dort erbringen konnte.

Franz hatte inzwischen ein Medizinstudium begonnen, er musste erst einmal das Fundament für die gemeinsame Zukunft bauen, freute sich aber mit mir über die seltene Gelegenheit eines solchen Erlebnisses.

Da schallte plötzlich im Juni eine beklemmende Nachricht durch den Äther… Die deutsche Wehrmacht wäre in die Sowjetunion einmarschiert.

So manchem stocke der Atem. Hatte dieser Hitler nicht selbst stets vor einem Zwei-Frontenkrieg gewarnt? Und jetzt, mitten im Ringen mit England, dirigierte er Truppen ins Riesenreich der Russen, mit dem er zuvor einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte.

Angst, Misstrauen griffen um sich, aber schon wurden sie von den Meldungen über das rasche Vordringen der deutschen Truppen, in 3 Stossrichtungen, übertönt.

Wenn man auch hier siegte, dann war Deutschland wirklich eine Weltmacht und diese Aussicht, erfüllte manch´ skeptisches, zweifelndes Bürgerherz nach der Schmach des 1. Weltkriegs, mit heimlichem Stolz.

Wie hieß es doch so schön im Refrain eines flotten Marschliedes, mit dem die Soldaten im Gleichschritt triumphierend durch die Straßen stampften: „… und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!“! Und Mancher ersetzte insgeheim auch noch das Wort „hört“ durch „gehört“…

Das klang schön in deutschen Ohren und die Österreicher stimmten gröhlend mit ein.

Gab es in der Geschichte nicht auch für andere Völker ruhmreiche Zeiten?

Die große Epoche der Griechen, die Jahrhunderte währende Herrschaft der Römer?

Warum sollte nicht auch einmal ein 1000-jähriges deutsches Reich aus den Tiefen der Weltgeschichte auferstehen?

Und hatte nicht auch Rom seine Macht erst durch immer neue Kriege erfochten?

Als der Sommer seinen Höhepunkt erreicht hatte, bestieg ich, begleitet von meinem Vater und den üblichen Ermahnungen von Mutter, den Zug nach Venedig.

Der Bahnhof der Lagunenstadt lag in Mestre und es war spät, als ich dort ankam.

Von diesem Vorort ging es nur mit der venezianischen „Straßenbahn“, dem Vaporetto, in die Stadt und zu den umliegenden Inseln. Ich hatte eine kleine Pension am Lido vorgebucht und die Fahrt dahin dauerte eine gute halbe Stunde.

Leise plätscherte das Wasser des Canale Grande an die Planken des Schiffes. Nur wenige Menschen befanden sich an Bord.

Dunkle Nacht umgab mich.

Ich stand an der Reling.

Die Luft war mild und ein voller Mond leuchtete vom Himmel.

Die Prachtbauten, die sich an den Ufern des Canale wie bunte Edelsteine aneinander reihten, schimmerten fahl im Schein des Erdtrabanten.

Kein künstliches Licht störte ihre harmonische Einheit. Unwirklich und schemenhaft säumten sie das Gestade.

Auch in Italien herrschte Krieg und Verdunkelung nachts, war als oberstes Gebot angesagt. Nur der Mond durfte die Paläste anstrahlen, er ließ sich nicht ausschalten und kleidete sie in fast überirdische Schönheit.

Waren diese in Pastellfarben hin gepinselten Gebäude wirklich das Werk von Menschen?

Im Verein mit der Natur formten sie an diesem Abend eine zauberhafte Identität; ich konnte meinen Blick nicht von ihnen wenden, atmete in vollen Zügen die sanfte Luft, während meine Augen die fremde Anmut zu erfassen versuchten.

Das Vaporetto glitt unter der gewölbten Rialto-Brücke hindurch. Vor den Palästen aus der Zeit von Gotik, Barock und Renaissance schaukelten vereinzelt Gondeln.

Alles war still, alles war Geheimnis.

Und alles war Zeugnis einer Vergangenheit, die vor etwa 4 Jahrhunderten gelebt wurde und damals einen beherrschenden Höhepunkt erreichte hatte.

Die Palazzi am Fluss berichteten voll aristokratischer Würde, vom Glanz und der Pracht einer verflossenen Epoche… von Liebe, Leidenschaft und Intrigen, dem ganzen Sammelsurium menschlicher Freuden und Begierden.

Wo sonst konnte sich das Leben so ausgiebig seinen Sehnsüchten und Wünschen hingeben, wie unter diesem samtenen Firmament.

Während rechter Hand, etwas entfernt, das blasse Weiß der Kirche Maria della Salute aus den Fluten auftauchte, tuckerte das Vaporetto atemberaubend nahe an das linke Ensemble des Markusplatzes heran.

An der Piazetta, dem Platz vor den architektonischen Wunderwerken von Dom und Dogenpalast, vor denen leise glucksend ebenfalls Gondeln hin und her pendelten, erkannte ich deutlich die beiden Granitsäulen, die aus Syrien oder Konstantinopel stammend, seit fast einem Jahrtausend dem heiligen Markus, Schutzpatron Venedigs gewidmet worden waren. Auf ihren Kapitellen trugen sie den geflügelten Löwen als Wappentier.

Der Markusplatz mit der wundervollen Basilika dahinter blieb im Dunkel verborgen.

Aber wie ein irdisches Mirakel erschien gleich darauf die vom Mond beleuchtete Fassade des Dogenpalastes.

Machtvoll strebt sein Zinnen bekrönter Oberbau gegen den Himmel, während ein Rautenmuster seine Wandflächen belebt. Um das Erdgeschoß läuft eine Bogenhalle, mit von Kapitellen geschmückten Säulen.

Über all´ das reckte sich der 99 m hohe Glockenturm fast gespenstisch in den nächtlichen Himmel.

Sehr langsam entfernten sich diese steinernen Male ruhmreicher Jahrhunderte, in der die Dogen die Macht der Republik Venedig weit in die Nachbarregionen hinausgetragen hatten und das Meer – die Adria – an Ausdehnung gewann.

Auch hier Stille und Dunkelheit, nur vom Bootsgeräusch unterbrochen.

Visionär zuerst, erschien nach einer Weile die große Lagune des Lido wie von Geisterhand in die matte Landschaft geworfen. Villen und Häuser des berühmten Badeortes wurden schließlich undeutlich erkennbar.

In der kleinen Pension erwartete man mich zu dieser späten Stunde erfreut. Nur wenige Reisende trafen in diesen Jahren ein und die modernen, eleganten Etablissements des noblen Ortes standen vielfach leer.

Ich schwelgte in Glück und Vorfreude auf die kommenden Tage. Noch in der Nacht schmiedete ich Pläne, um nur ja alle Sehenswürdigkeiten und Kunstgenüsse dieser außerordentlichen Stadt zu erkunden und nichts zu versäumen.

Jeden Tag fuhr ich nach dem Schwimmen im Meer, mit dem kleinen Dampferchen die 4 km zum Markusplatz, konnte mich nicht satt sehen an den Bau- und Kunstwerken dieser Stadt im Wasser, bummelte die schmalen Gassen über Brücken an den Kanälen entlang, achtete nicht des Gestanks, der da manchmal aus der Schönheit aufstieg und die Nase kitzelte.

Ich war einfach glücklich!

Zurückgekehrt zum Lido, traf ich mich meist mit der blonden Dame, die ebenfalls Gast in der Pension war und als über 40-Jährige irgendwie das Bedürfnis entwickelte, auf mich 18-Jährige, aufpassen zu müssen. Da ich ja ohnehin schon an meinen Verlobten gebunden war, empfand ich das als sehr unnötig.

Es waren nette Stunden und Gespräche, die ich mit der neuen Bekanntschaft verbrachte. Nur einmal empfing ich eine Rüge, als ich mich nicht genügend ehrfurchtsvoll über die Deutsche Wehrmacht und ihre Heldentaten äußerte. Zwar eine angenehme, gebildete Dame, dürfte sie eine getreue Gevatterin der Nazis gewesen sein. Deshalb hatte sie wohl auch nicht wie ich für 14 Tage, sondern gleich für 6 Wochen, eine Reiseerlaubnis für Italien erhalten.

Dafür beneidete ich sie sehr und als sie mir erzählte, sie würde nach einer Woche Venedig, nach Neapel und Capri weiterreisen und mir vorschlug, ich solle sie doch noch eine Woche dahin begleiten, geriet ich in arge Bedrängnis und permanente Versuchung.

Nun war ja Venedig ein wahrhaft prächtiges Schmuckstück im Schatzkästlein Italien, aber es gab ja noch viele andere Kostbarkeiten, die zu sehen, einer kaum zu widerstehenden Verlockung gleichkam.

Also fuhr ich tatsächlich nach dem Erlebnis der Lagunenstadt mit dieser blonden Dame per Zug Richtung Süden, nach Neapel.

Es wurde ein heißer Tag in der Bahn, begleitet vom Geratter der Räder, durch eine fremde Landschaft, die viel zu hastig, zu rasant vorüber flog, um sie aufnehmen zu können.

Ich freute mich riesig auf Neapel. Wie hieß es doch so schön in einem Schlager: Neapel sehen und dann sterben…

Nein, so weit gingen meine Wünsche natürlich nicht, aber einen flüchtigen Blick wollte ich doch auf diese gepriesene Metropole werfen.

Also quartierten wir uns für eine Nacht in einem Hotel ein, bevor uns am nächsten Tag ein Schiff nach Capri transportieren sollte.

Ein halber Tag für eine Stadt wie Neapel?! Ein Jammer…das konnte bestenfalls ein flüchtiger Eindruck im Eilmarsch werden…

Was tun in den wenigen Stunden?

Wir entschlossen uns für einen Ausflug mit der Straßenbahn hinauf auf den Posilip-Hügel, um wenigstens einen Überblick zu gewinnen.

Anfangs bummelte das Bähnchen am Meer entlang.

Zwischen prächtigen Villen mit wunderschönen Gärten wand sich die Trasse aufwärts zum Hügel, von dem aus sich eine fantastische Sicht auf die Bucht bot.

Was für ein Panorama!

Der Vesuv, die Halbinsel Sorrent und schließlich Capri erschienen am Horizont, umrahmt von einem silbern glänzenden Meer, das sie in trügerischer Ruhe, sanft einlullte.

Nur ein hauchdünnes Rauchfähnchen ließ ahnen, dass der Schicksalsberg nur schlief und seine im Innern verborgenen, geballten Kräfte jederzeit ausbrechen könnten.

Lange, viel zu lange ergötzten wir uns an diesem Anblick. Doch erbarmungslos drängte die Zeit. Wir mussten zurück, rasch die Koffer packen und zum Hafen eilen.

Da wartete eine Überraschung auf uns. Wir fanden im Hotel unsere Koffer, Kleider und alle Habseligkeiten, verstreut auf dem Flur wieder.

Unsere Empörung darüber wurde achselzuckend damit kommentiert, dass das Zimmer nicht rechtzeitig um 12 Uhr geräumt gewesen sei, daher mussten die Klamotten der Fremden raus.

Keine freundliche Geste, wo doch der „Adolf“ so großzügig mit Italien verfahren war. Noch dazu war auch dieses Hotel nur gering besetzt und rechtfertigte keinesfalls eine solche Handlungsweise.

War der deutsche Freund hier doch nicht so beliebt, wie er es gern hätte sein wollte?

Wie auch immer, uns blieb nichts anderes übrig als so schnell wie möglich unsere Utensilien im Flur zusammen zu sammeln, in den Koffer zu stopfen und zum Hafen zu starten.

Dort stellten wir fest, dass das Schiff, das in blendendem Weiß bereits im Golf von Neapel verankert, auf die Abfahrt nach Capri wartete, ebenfalls nur wenige Passagiere an Bord hatte.

Die Nachmittagssonne sandte ihre heißen Strahlen auf das Deck, aber ihre Glut wurde durch eine leichte Brise gemildert.

Wie ein riesiger Moloch stapelten sich die Häuser der viel besungenen Stadt am Festland empor, und je weiter der Dampfer sich von ihr entfernte, umso verführerischer wirkte ihr langsam entschwindender Schattenriss. Begrenzt zur Rechten vom Vesuv, jenem heimtückischen Monster, in dem es immer noch aus den Tiefen der Erde rumorte und links vom lieblichen Hügel des Posilip, zählt dieses Panorama mit zu dem Schönsten, was unser Planet zu bieten hat.

Auch die Inseln Praxidi und Ischia tauchten als schemenhafte Silhouette aus dem Blau des Meeres.

Tief beeindruckt beobachtete ich die Wellenberge, die mit weißer Gischt das Gefährt umspielten, das, je weiter es vom Land fortstrebte, in spürbare Schwankungen geriet.

Schon zeigten ein paar Reisenden Anzeichen der berüchtigten Seekrankheit, die der Ozean als Tribut für seine Eroberung durch den Menschen forderte.

Meine Begleiterin und ich spürten indessen keine Reaktion auf das schlingernde Auf und Ab unseres winzigen Untersatzes auf der grandiosen Bühne des gewaltigen Elements. Tänzelnd, aufmuckend, Schaum speiend; spielten die Wogen Schabernack mit dem Dampferchen, das sich schnaubend durch die Unendlichkeit der Wassermassen vorwärts kämpfte, einem neuen Eiland entgegen.

Bald erschien es dann auch als lang gestrecktes, steiles Felsmassiv, das langsam und verheißungsvoll näher rückte… die Insel Capri, wo einst der Arzt Axel Munthe die Villa San Michele baute und wo so mancher Traum der Inselgeschichte begann und oft auch tragisch endete.

Das Schiff entließ seine Gäste an der Hafenmole von Grande Marina, eine Zahnradbahn beförderte uns dann die 138 m hinauf zum Hauptort, der mit winkeligen Gassen und Gässchen vom fast 600 m hohen Monte Solara überragt wurde.

Die Sonne bereitete sich als praller, rot glühender Ball für ihren Untergang vor, als meine „Gouvernante“ und ich unserem Nachtquartier in einem der versteckten, nach außen geduckten und abgeschirmten Häuschen, zustrebten.

Keramikkacheln mit allerlei Sinnbildern verrieten uns Ankömmlingen nicht ihre Bedeutung. Eine unbekannte Welt tat sich vor uns auf. Erst spät entfachte ein tausendfach funkelnder Sternenhimmel ein glitzerndes Flirren über der Insel.

Ich eilte zu dem winzigen Fenster, um dieses Schauspiel zu bewundern. Zwar müde, aber voll Erwartung fieberte ich dem kommenden Tag entgegen.

Am Morgen stellte sich heraus, dass wir in der kleinen Pension nicht alleine

waren. Zwei deutsche Soldaten hatten auf dem Weg nach Nordafrika für zwei Tage hier Quartier bezogen. Man begrüßte sich, man konnte deutsch sprechen im fremden Land und beschloss einen gemeinsamen Tag miteinander zu verbringen.

Die Soldaten erinnerten an die nicht zu leugnende Tatsache, dass Krieg in Europa herrschte. Krieg, der mit Kampf und Tod gekoppelt war. Aber daran wollten wir am heutigen Tag nicht denken. Auch die beiden Soldaten Hitlers nicht.

Ein seltsames Gespann, Dem wir da begegnet waren.

Der eine jung, mit einer verwegenen, leichten Welle im kurz geschnittenen, blonden Haar, entsprach zumindest äußerlich dem Wunschbild eines echten Germanen.

Der andere – genau das Gegenteil! Gedrungen, klein, viel älter, mit braunem Wuschelhaar, ein wenig zur Fülle neigend.

Aber beide wohlgemut und nicht im mindesten an ihrer befohlenen Mission zweifelnd.

Jedenfalls waren wir uns alle einig, das bezaubernd schöne Eiland am heutigen Tag bis zur Neige auskosten zu wollen.

Im Ohr die Melodie der „untergehenden, roten Sonne von Capri“ charterten wir, um das Inselmärchen auch vom Meer her zu erleben ein kleines Fischerboot für eine Rundfahrt und natürlich auch zur „blauen Grotte“, deren eigenwillige Farbe ihr diesen Namen verlieh. Mit eigenen Augen wollten wir das Phänomen wahrnehmen.

Der schwarzhaarige, freundliche Fährmann ruderte uns dicht an der Küste entlang, vorbei an den pittoresken Faraglioni, die wie zwei klobige Wächter vor den Inselbergen thronten.

Der eine wuchtete als hoher kegelförmiger Klotz sein Gestein aus dem Wasser, während der andere dicht daneben und viel niedriger, dafür ausladender, seine behäbige Masse aus den Wellen heraus wälzte. Als besondere Attraktion zeigte letzterer inmitten seines mächtigen Körpers eine Öffnung – ein Loch – das wie ein Tor, den Weg in die Weite des Ozeans freigab.

Kein Wunder, dass dieses bizarre Fels-Ensemble als Wahrzeichen der Insel Ansichtskarten schmückte und Fotografen anlockte. Dabei war die Küste ohnehin genügend gespickt mit Löchern und Grotten, die immer wieder da und dort aus dem Gestein heraus klafften.

Die berühmteste und größte war aber jene „Blaue“, die auch zum Höhepunkt dieses Bootsausfluges wurde.

Nur bei ruhigem Wetter konnten kleine Boote den engen Durchlass von 1,30 m ins Innere passieren und nur bei Sonne entfaltete sie ihr gepriesenes Azur.

In unserem Fall waren beide Voraussetzungen erfüllt und voll Erwartung drangen wir mit dem Schiffchen durch die niedere Luke zu dem kleinen See, den das Meer hier geschaffen hatte.

Kein anderes Boot, keine Menschen waren in der Nähe.

Nichts und niemand störte den erhabenen Eindruck des Naturwunders. Mit 54 m Länge und 30 m Breite sowie 15 m Höhe hatte es sich in den Körper der Insel gegraben.

Kaum bewegt, funkelte das Wasser in einer unwirklichen Farbnuance.

Mit angelegten Rudern wogte das Gefährt sanft, wie träumend, in der Grotte hin und her.

Eine ganze Weile genossen wir ohne Worte das einmalige Mysterium.

„Hier zu schwimmen muss herrlich sein“, seufzte plötzlich einer.

Ein Schlagwort, das sofort zündete.

„Ja, aber…“ stotterte ich, „wir haben doch keine Badekostüme dabei…“

„Na und…“ lachte der junge Soldat, „habt Ihr etwa Angst“?

Ich blickte fragend auf meine Begleiterin.

„Natürlich nicht…“ beeilte sich die, zu verneinen.

„Na also…“ und schon bereitete man sich auf das ungewöhnliche Bad im Adamskostüm vor.

„Und der Fischer…“ zögerte ich noch einen Moment.

„Der wird für seine strapaziöse Ruderei zusätzlich durch einen nicht alltäglichen Anblick entlohnt!“

Wir lachten und glitten sogleich hüllenlos über die Bordwand in die erfrischenden, aber doch lauen Fluten dieses seltsamen Sees.

Wir schwammen die Wände entlang, die ein glitschiger Rand säumte, versuchten mit unseren Tempos Länge und Breite des geheimnisvollen 15 m tiefen Gewässers nachzumessen.

Schließlich kehrten wir nicht per Boot, sondern mit eigener Kraft in das volle Licht des Tages, zurück in die ungebändigte Freiheit des Meeres.

Dabei erfuhr ich zum ersten Mal die ungeheuere Energie des Wassers, denn auch bei ruhiger See, schlug weiße Gischt lautstark an die Kalksteinfelsen. Ihnen galt es auszuweichen, aber trotz aller Anstrengung machte ich einmal engere Bekanntschaft mit einem Felsvorsprung, der ausgiebig von Seeigeln besetzt war.

Doch nichts konnte den Enthusiasmus, die Freude an diesem Erlebnis trüben und sicher brachte uns danach der Fischer nach Capri zurück.

Der Nachmittag gehörte den Erkundungen an Land, denn auch hier wand sich ein befestigter, knapp einen Meter breiter Pfad direkt um die Küstenregion und jeder Blick bot neue faszinierende Panoramen auf die Klippen und die skurrilen Formen der Felsblöcke.

Der Arco naturale, ein von der Natur geschaffener Bogen, triumphierte als Höhepunkt des aussichtsreichen Weges über alle die anderen abstrakten Gestalten.

Die Nacht war in dieser Atmosphäre natürlich auch nicht nur zum Schlafen da und deshalb spazierten wir, per Zufall zusammengeführten Vier, bis fast in die Morgenstunden durch die engen, verwinkelten Gassen und menschenleeren Gässchen von Capri.

Der volle Mond, der in Venedig so magisch die Palastszenerie der Stadt beleuchtet hatte, war schon ein wenig geschrumpft, aber sein Licht reichte aus, um auch dieses Kleinod zu verklären.

Absolute Stille herrschte um uns und ganz von selbst hatten wir uns nach dem Motto jung zu jung und bejahrt zu bejahrt, formiert. Nur unsere Schritte klapperten auf dem holprigen Pflaster eine eintönige, störende Melodie in die Lautlosigkeit der Nacht.

Voran schritten eng umschlungen der kleine, etwas beleibte Soldat mit meiner „Gouvernanten“, die ihn um gut einen Kopf überragte.

„Ach, muss Liebe schön sein“, alberten dahinter wir Jungen. Um nicht zu stolpern zwar auch Arm in Arm, aber durchaus unseres gegebenen Treueversprechens an einen anderen Partner bewusst, denn auch „mein“ Soldat hatte eine Braut in der Heimat.

Während uns die milde Luft umwarb, erzählten wir von den Lieben zu Hause, sprachen von Idealen, von Hoffnungen, von der Zukunft, die doch so nebelig verschleiert vor uns lag und waren stolz, dass wir den Verführungen der lauen Sommernacht tapfer widerstanden.

Ehe der Morgen graute, trennten wir uns mit dem Versprechen brieflich in Verbindung zu bleiben… das würde man schließlich auch als Verlobte noch dürfen.

Der nächste Tag würde die beiden Männer aus dem romantischen Zwischenspiel auf Capri in eine sehr unromantische, raue Wirklichkeit hinein befördern.

Auch für mich brachte dieser nächste und letzte Tag auf der Insel, neben einem glückhaft befreienden Gefühl einer sieghaft bestandenen Versuchung, die schmerzliche Erkenntnis, dass sich auf meinen Zehen als Strafe für die Kraftprobe mit dem Element Wasser, eine Unzahl von Seeigeldornen eingenistet hatten.

Da hockte ich nun am winzigen Balkon meines Zimmers ein wenig übernächtigt, aber entschlossen dem Übel zu Leibe zu rücken und zupfte vorsichtig und mühsam mit der Pinzette jede einzelne aus der Haut herausragende schwarze Stachelspitze heraus.

Eine Arbeit die Stunden beanspruchte, die aber so vollgepfropft war mit Bildern und Erlebnissen des Gestern, dass die Zeit aufgehört hatte, eine Rolle zu spielen.

So kann ein einziger, intensiv gelebter Tag, nutzlos vergeudete Wochen und Monate glanzvoll überstrahlen.

Dankbar für das Erlebte und zufrieden trat ich die Rückreise an.

Trotzdem konnte ich es mir nicht versagen, während der Fahrt, in Rom einen Mini-Stop ein zulegen.

Nur drei Stunden blieben mir dafür und das glich dem Versuch von einem voluminösen Kuchen gerade nur ein paar Rosinen zu naschen.

So waren es dann auch nur die nahe beieinander liegenden „Zuckerln“ des Capitol- Hügels, die ich im Sauseschritt zu schmecken bekam. Eine vage Ahnung von einer sehr großen, sehr alten Metropole.

Die letzte Übernachtung in Venedig, in einem kleinen Hotel am Canale Grande, bedeutete nur noch ein Warten auf den endgültigen Abschied vom Land meiner Träume – das Maß war voll von Eindrücken – von denen ich, reich beschenkt, in den Alltag zurückkehrte.

Undurchschaubar zeigten sich in der Folgezeit Lage und Dinge am östlichen Kriegsschauplatz. Außer Nachrichten über siegreichen Vormarsch drang nichts an die Öffentlichkeit.

Schon drängten sich besorgte Fragen auf.

Hatte die Blitzkrieg-Strategie diesmal versagt?

Stagnierte es im Osten etwa?

War die Sowjetmacht angesichts des deutschen Kolosses der Wehrmacht, noch nicht zusammengebrochen?

Fragen, auf die es keine offiziellen Antworten gab.

War die Rote Armee am Ende weit leistungsfähiger und besser gerüstet als vermutet?

Es ging dem Herbst zu.

Die Blätter begannen ihr buntfarbenes Kleid anzulegen. Noch wärmte die Sonne die Tage, aber eine feuchte Brise kühlte bereits die Nächte.

Niemand in der Bevölkerung wusste genau, was sich an der provozierten Front in Russland abspielte.

Siegreich standen die deutschen Truppen vor Moskau, hieß es.

Aber nur „vor“ der Metropole und der Führer hätte nun selbst das Kommando über sie übernommen…

Keinen Schritt zurück, lautete seine Parole, um keinen Preis etwas aufgeben, was erkämpft worden war.

Noch ehe sich das Jahr 1941 verabschiedete, wurden Maßnahmen beschlossen, die das Volk empfindlich trafen.

Die Produktion des Landes, die bisher doch auch auf zivile Bedürfnisse Rücksicht genommen hatte, wurde rigoros auf Rüstung umgestellt. Nur der Krieg zählte noch und alle verfügbaren Kräfte mussten ihm dienen.

Alles männliche deutsche Menschenmaterial, sofern zum Kampf tauglich, wurde an die Front beordert und für die Arbeit zu Hause verpflichtete man Hilfskräfte aus den besetzten Ländern – zwangsweise natürlich.

In diesem Zusammenhang eröffnete mir kurz vor Jahresschluss der Chef die bedauerliche Tatsache, dass er mich in seiner Firma, die ausschließlich private Interessen vertrat, nicht mehr länger als Angestellte halten könne. Ich müsste in einen Rüstungsbetrieb überwechseln.

Na ich, unbekümmert wie ich stets war, witterte sofort eine Möglichkeit Neues kennen zu lernen, zuckte zwar seufzend mit den Schultern, verfolgte aber bereits einen ganz bestimmten Plan.

Es stand bereits fest, dass Franz gemäß seines Studiums als Arzt zur sanitären Ausbildung nach Berlin dirigiert werden würde.

Was lag näher, als, wenn schon der Arbeitsplatz gewechselt werden musste, ich versuchte, ebenfalls in die deutsche Hauptstadt zu kommen.

Ich erklärte mich also gern bereit, als Dienstverpflichtete für ein halbes Jahr mein Domizil von der österreichischen in die deutsche Hauptstadt zu verlegen.

Diesem Wunsch gemäß wurde ich zu einer Firma vermittelt, die als Flugmotorenwerke Ostmark zwar ihren Sitz in Wien hatte, deren Zentrale aber Daimler-Benz in Berlin war.

Meine Eltern waren über diese von der Regierung bestimmten Anordnungen wenig erfreut, aber wehrlos.

Nicht nur, dass Luftangriffe in letzter Zeit immer wieder Berlin erschütterten, das „Kind“ allein in dieser großen Stadt zu wissen, war ein bedrückender Gedanke für sie.

Der Dezember zog einen einheitlich grauen, trüben Wolkenschleier über die Dächer der Stadt. Kein Sonnenstrahl durchdrang den tristen Himmel und die bleierne Düsternis lastete schwer auf den Seelen der Menschen.

Noch dazu warf in diesen Tagen eine andere Nachricht, schwere Schatten auf die ohnehin so ungewisse Zukunft.

Hitler hatte Amerika den Krieg erklärt!

Was bedeutete das nun wieder?

Hatte England unter Churchill sein Ziel erreicht, die USA in den Weltkonflikt hinein zu ziehen?

Warum reagierte der Führer mit einer solchen Maßnahme?

Hatte er die Karten nicht mehr fest genug in der Hand, war die Zeit der Siege vorbei?

Keine Erklärungen, keine Kommentare, nur trotziger Wille zum Sieg und die Mobilisierung aller Kräfte für dieses Ziel wurde gefordert. Nichts anderes zählte, als die Front, der jetzt auch die Heimat bedingungslos zu dienen hatte.

Als eine Folge dieser neuen politischen Konfrontation ergab sich für meine Mutter, dass sie kein weiteres Lebenszeichen, keinen Brief von ihrer gnädigen Frau aus der neuen Welt erhalten würde.

Bis zum Sieg…

Sieg ??

Konnte man ihn herbei zwingen? Er wurde jedenfalls der Bevölkerung einsuggeriert, eingetrichtert, als einzige überhaupt denkbare Möglichkeit.

Daher spielte von nun an die Aufrüstung – die heilige Kuh des Reiches – die entscheidende Rolle, denn mit deren Hilfe musste das Ziel erreicht werden.

In diesem Sinne trat ich am 2. Januar des Jahres 1942 den Weg in einen unbekannten Alltag an und wechselte vom gemütlichen Steuerbüro zu einem Betrieb, der ausschließlich der Waffenerzeugung diente.